11. Dezember 2007
von ostoll
Runner’s High
Psychologische und / oder neurologische Mechanismen. Wie entsteht eigentlich das „Runner’s High“?
Extremläufer wissen, es gibt Läufe, die vergisst du nie, du wünschst dir, sie würden nie enden und du schwebst auf einer Wolke der Glückseligkeit. Ja, laufen kann dich auf eine Art und Weise berauschen, die man nur schwer beschreiben kann – wenn man nicht das Glück hatte, es selbst zu erleben – das Phänomen des Runner’s High. Doch auch wenn man es schon einmal erleben durfte, findet man dieses Glücksgefühl nicht jederzeit wieder, da es alles andere als abrufbar ist.
Seit nunmehr knapp 50 Jahren gibt es unzählige Erklärungsversuche, sowohl vom physiologischen als auch vom psychologischen Standpunkt her. Die meisten aber beschreiben das Runner’s High als eine Art „euphorische Empfindung“. In den Sechzigern noch bekannt als „Second Wind“ oder auch „Spin out“, folgerten Forscher damals, dass chemische Substanzen, wie das Epinephrin, besser bekannt als Adrenalin, verantwortlich sein müssten, die vom Körper produziert und in einer bestimmten Phase des Laufens ausgeschüttet werden. Diese Theorie wurde jedoch nach einiger Zeit und weiteren Forschungen verworfen.
Länger hielten sich die nachfolgenden Theorieansätze, beruhend auf der 1975 von Goldstein entdeckten morphiumähnlichen Substanz Endorphin. Nach etlichen weiteren Untersuchungen und Forschungen verlor jedoch auch dieser Ansatz in den letzten 20 Jahren mehr und mehr an Bedeutung.
Natürlich gab es ab den 80er Jahren auch Theorien mit rein psychologischem Ansatz. Eine davon ist der handlungstheoretische Ansatz, der sich auf das gesteigerte Wohlbefinden nach sportlicher Belastung bezieht, was dann wiederum eine positive emotionale Stimmung zur Folge hat.
Ist vielleicht der rein psychologische Ansatz der Richtige? Vielleicht macht es ja gerade die Mischung? In zwei von uns kürzlich veröffentlichten Studien konnten wir nachweisen, dass so genannte „Flow-Effekte“ (Zustände, die den Beschreibungen des Runner’s High sehr ähnlich sind) vor allem in bestimmten Belastungsintensitätszonen auftreten. Dabei spielt die so genannte „Own-Zone“ eine wichtige Rolle (dabei handelt es sich um eine individuell zu bestimmende Belastungszone, die sich auf der Basis der Herzfrequenzvariabilität berechnen lässt). Danach befinden sich eher die Läufer im Flow, die genau in dieser „Own-Zone“ laufen. Aus dieser Erkenntnis gelangt man schließlich zu einem ganz neuen Theorieansatz, der Hypofrontalitätstheorie. Diese geht davon aus, dass das Gehirn während des Laufens nicht eben besser durchblutet ist als im Ruhezustand, sondern eher mit seinen Ressourcen haushalten muss. Die Muskulatur benötigt demnach bei intensiver sportlicher Betätigung sehr viel mehr Sauerstoff als die restlichen Organe, auch das Gehirn wird hier nicht ausgenommen. Da das Laufen eine gut automatisierte Bewegung ist, bleiben durch den reduzierten Sauerstoffhaushalt nur die Areale im Gehirn aktiv, die für diese Bewegung nötig sind. Andere Areale werden sozusagen „heruntergefahren“. Hierzu gehört vor allem der präfrontale Kortex, der vor allem beim Problemlösen und Nachdenken aktiv ist. Da nun dieses Gehirnareal ja beim Laufen quasi auf „Stand by“ läuft, können wir auch keine Problemlösungen durchführen und ins Grübeln kommen, was dann wiederum zu einem völlig reflexionsfreien Aufgehen in der Tätigkeit endet – so beschreibt man das Gefühl des Runner’s High. Mit diesem Ansatz versuchen wir, sowohl kognitive als auch neurologische Elemente miteinander zu verbinden und versprechen uns dadurch nicht nur neue Erkenntnisse im mentalen Bereich, sondern auch für die Trainingssteuerung. Eine unserer Forschungsgruppen beschäftigt sich deshalb im Moment damit, die Herzfrequenzvariabilität mit dem emotionalen Läuferleben in Zusammenhang zu setzen. Sollten weitere Untersuchungen unsere Theorien belegen, so sind wir einer großen Frage des Ausdauersports, der Klärung des Runner’s High, ein erhebliches Stück näher gekommen. Und bis dahin, laufen Sie doch einfach drauf los – vielleicht erleben Sie ja dann ihr ganz persönliches Runner’s High!