Der frubiase® SPORT blog

27. Mai 2009
von Hauke König

Weserlauf – der zweite

Freitag, 22. Mai 2009. 07.00 Uhr. Marlene und ich fahren los und holen Chris in der City ab. Dann zu Cinegate und Kamera, Licht und Equipment zum Filmen rausholen. Dann auf die A7 Richtung Hannoversch Münden. Wir sind um 13.00 Uhr dort. Zeitgleich mit der Schwester meiner Freundin, ihrem Mann und deren Kindern, die extra hier sind, um mich anzufeuern. Um 13.45 Uhr kommen noch Frank Kleinsorg und Winni dazu. Zwei Ultraläufer aus Göttingen, die mich die ersten 35 Kilometer begleiten wollen.

weser114.00 Uhr: Los geht`s! Sonne und Wolken wechseln sich ab und ein kurzer Schauer erwischt uns. Es ist aber nicht kalt und wir sind innerhalb kürzester Zeit wieder trocken. In Bodenfelde verlassen Winni und Frank mich leider schon wieder, um mit dem Zug wieder zurück nach Göttingen zu fahren. Ab jetzt läuft Micha mit. Der Schwager meiner Freundin. Er hat erst vor kurzem zu laufen begonnen und möchte im Februar die ersten 43 Kilometer der Brocken-Callenge mitlaufen. Er schlägt sich hervorragend und nach 10 Kilometern kommt noch sein vierjähriger Sohn Jonah mit seinem Fahrrad dazu.

weser2Beim still gelegten AKW Würgassen, verlassen auch sie mich und ich laufe alleine weiter. Ich treffe mein Versorgungsfahrzeug jetzt etwa alle 10 bis 20 Kilometer und lege immer eine kurze Laufpause ein. Blöderweise bekomme ich keinen einzigen Bissen Nahrung herunter. Ich nehme also zwei Powergels, weiß aber, dass das keine Lösung ist. Ich muss essen – kann aber nicht. Es wird dunkel und extrem neblig. Die erste Nacht beginnt. Ich kann mit meiner Stirnlampe etwa 5-6 Meter weit durch die Suppe leuchten und verlaufe mich prompt. Als ich dann Marlene und Chris wieder treffe und wir einen neuen Treffpunkt ausgemacht haben, laufe ich erneut in den Nebel. Allerdings endet der Wirtschaftsweg irgendwo im Nichts und von Marlene und Chris ist auch nichts zu sehen. Die waren mir hinterher gefahren und dann wieder umgedreht, weil sie dachten, ich wäre einen anderen Weg gelaufen und suchten mich inzwischen kilometerweit weg. Als wir uns dann endlich wieder ‚in the middle of nowhere’ trafen, waren wir alle schon ein wenig geknickt. Die Zeit lief uns davon. Wir blieben also zusammen und der Wagen fuhr immer direkt hinter oder neben mir. Und obwohl ich die ganze Zeit in Bewegung war, schafften wir kaum Kilometer. Es war wie verhext. Ich kam dann beim Sonnenaufgang in Bodenwerder an! 112 Kilometer – viel zu wenig!

weser3Ich war todmüde und schlief 15 Minuten im Auto. Dann zur Tanke und Kaffee holen. Und plötzlich geht es wieder. Der Nebel verschwindet und der Tag wird sonnig und warm. Ich versuche, etwas von der verlorenen Zeit aufzuholen. Da gelingt so semi. Aber wenigstens sehe ich nun wieder die Beschilderung. Und ich kann das erste Mal bei diesem Lauf nach etwa 125 Km etwas essen – Amaranthmüsli. Gott sei dank! Kurz vor Hameln steht da ein offenbar gestohlenes und abgestelltes Fahrrad vor mir und ganz kurz denke ich daran, mich draufzusetzen. Aber nix da. Schön weiterlaufen – durch Hameln und in Richtung Hessisch Oldendorf. Als ich mitten in den Feldern um eine Kurve laufe, bin ich plötzlich umzingelt von anderen Läufern. Ich bin mitten in einem 10 Kilometer Wettkampf gelandet und feuere die mich überholenden Läufer an. Leider verpasse ich dadurch die richtige Abzweigung zu unserem nächsten Treffpunkt. Und so stehe ich mit einer kopierten Kartenseite auf einer Brücke der B 83 und weiß nicht mehr, wo ich lang muss. Plötzlich fährt ein schwarzer Kombi an mir vorbei und jemand schreit „HAAAUKEEEE!!!!“ heraus. Meine Freundin mit unserem Kind und ihren Eltern sind zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle. Es dauert noch, bis wir Chris und Marlene wieder treffen, auch sie haben sich verfahren. weser4Und langsam wird klar, dass wir die Strecke so nie in 48 Stunden schaffen. Aber keiner von uns hat Lust, erst Sonntagnacht in Bremen anzukommen. Ich muss am Montag arbeiten und Marlene zur Uni. Wir beschließen, die Strecke um 70 Kilometer abzukürzen, um pünktlich in Bremen zu sein, und fahren von Hessisch Oldendorf in die Nähe von Petershagen. Vorher holen wir aber noch unseren zweiten Fahrer vom Bahnhof Minden ab. Mein Sohn Jan fährt jetzt den Versorgungswagen und Marlene ruht sich ein wenig aus. Inga hat ihr Fahrrad mitgebracht und begleitet mich nun etwa 10 Km. Dann fährt sie mit ihren Eltern und meiner süßen Tochter wieder los. Vorher gibt es aber noch lecker Essen und die Szene erinnert stark an ein Sommerpicknick mit Freunden und Familie. Nein, es ist ein Sommerpicknick mit Freunden und Familie.

weser5Und weiter Richtung Stolzenau, Landesbergen, Estorf und Nienburg. Jetzt funktioniert alles wunderbar und ich laufe genauso, wie ich es mir die ganze Zeit gewünscht hatte. Ich mache jede Menge Kilometer. Dann bricht die zweite Nacht an. weser6Ich fühle mich topfit und kein bisschen müde. Ich hatte auf den Rat von Dean Karnazes hin Bio-fairtrade-Espressobohnen eingepackt und kaue ca. acht Stück. Allerdings komme ich ganz merkwürdig drauf. Ich fange an, komische Dinge zu sehen und zu hören. Ich habe ganz stark das Gefühl, meiner eigenen Wahrnehmung nicht trauen zu können. Alles wirkt völlig fremd auf mich. Außerdem fange ich an, zu schnell zu laufen. Teilweise eine pace von 5.10. Dabei sackt mein Puls ab. 118, 117, 111, 109 Schläge/Minute, – bei dem Tempo. Irgendetwas stimmt nicht mit mir, aber ich bin fit genug, um mir selbst um 02.00 Uhr eine 90-minütige Zwangspause aufzuerlegen. Ich versuche mit angezogenen Beinen ein wenig im Kofferraum zu schlafen und zittere vor Kälte.

Dann geht es endlich weiter und ich laufe erst einmal sehr schnell durch Bücken, um wieder warm zu werden. Das funktioniert auch. Ein paar Kilometer weiter, in Hoya, wartet meine Schwester mit Paul, einem Freund, und mit Kaffee auf uns. Jetzt ist alles wieder gut. Ein wunderschöner, warmer Sonnenaufgang in Eizendorf. Und ein Dorf weiter kommt Oiste. Hier habe ich mal gewohnt. Meine Mutter ist auch da und hat Brötchen dabei. Kaffee natürlich auch. Ich putze mir aber lediglich die Zähne und laufe beschwingt nach Verden. Meine Geburtsstadt. Dort wartet schon mein Vater mit zwei meiner Nichten und Fahrrädern auf mich. Auch mein alter Freund Sven kommt mit dem Fahrrad und alle begleiten mich in Richtung Bremen. Drei Autos und vier Fahrräder im Konvoi durch die Felder entlang der Weser. CO2-ich weiß. Aber trotzdem saucool! Hinter Achim habe ich plötzlich sehr viel Blut im Urin. Ein kurzes Telefonat mit einem Bekannten von Sven, der Arzt ist, beruhigt mich. Ab nach Dreye. Hier wartet Thomas Schaefer auf mich, um die letzten 10 Kilometer mit mir zu laufen. Die anderen fahren schon vor zum Ziel. Ich habe Thomas schon lange nicht mehr gesehen und freue mich sehr, dass er mitkommt. Allerdings laufe ich ihm etwas zu schnell, was zur Folge hat, dass er im Ziel von den Presseleuten für mich gehalten wird, weil er so fertig aussieht im Gegensatz zu mir. Ich sehe anscheinend super fit aus. Fühle mich auch so.

weser7Um 14.07 Uhr warten im Ziel etwa 15 Leute auf mich, jubeln mir zu und beglückwünschen mich nach 290 Kilometern – Hammer! Wir setzen uns alle in einen Biergarten, trinken ein Bier und gehen dann noch etwas essen. Ich habe bei den anschließenden Interviews ein wenig das Gefühl, als könnten mit die Reporter nicht so recht abnehmen, dass ich gerade 290 Km gelaufen bin. Sie fragen immer wieder, warum ich so fit aussehe. weser8Ich weiß es selber nicht. Aber es sind noch erheblich Kraftreserven vorhanden. Und morgen muss ich ja auch wieder arbeiten.
Ich habe noch keine genaue Summe, aber es sind Spenden für das Kinderhospiz Löwenherz von etwa 2000 Euro zusammengekommen. Na, wenn das mal nix ist. Vielen Dank an alle Spender!

weser9Ich möchte an dieser Stelle noch einmal allen Leuten danken, die an diese Unternehmung geglaubt haben und mich unterstützt haben und ohne die dieses Abenteuer nicht funktioniert hätte.
Meine Sponsoren: frubiase SPORT, Asics, Polar, Waterkant.dk
Meine Checker: LoeschHundLiepoldKommunikation, Jana Ramm, Kathrin Pfeffer
Meine Begleiter: Frank Kleinsorg, Winni, Micha, Mila, Zoe, Maren, Jonah, Friedhelm, Erika, Enna und Inga Lühmann, Mechthid König, Peter König, Neele, Hanna Mai & Dietke Frankenstein, Paul Atherton, Sven Kracke und Thomas Schaefer.
Und ganz besonders mein „3 Tage wach-Team“ Marlene Palm, Christoph Wittohn, Jan Röttjer.

Ihr habt aus einem einfachen Lauf ein Erlebnis gemacht, an das wir uns alle ganz sicher noch lange und mit Spaß zurück erinnern werden. Ihr seid die aller derbsten!!! Vielen, vielen Dank, love & peace !
P.S: Ja, es wird einen Film geben :)

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9 Reaktionen zu „Weserlauf – der zweite“

  1. Ruben

    Wow, Was für eine Leistung. Hut ab Hauke. Ich bin mir sicher, das 99% der Menschen nicht diese Willensstärke hätten selbst wenn sie es von der Kondition her könnten (was nicht der Fall ist). Toll, das du so etwas für ein soziales Projekt gemacht hast.

  2. Bernhard W.

    Hi Hauke,

    herzlichen Glückwunsch zum Finish! Wir haben das ganze Wochenende mitgefiebert.

    Liebe Grüße

    Bernhard & Anne

  3. hauke

    Hey Ruben,
    your german is still amazing. After 23(?) years. Thanx a lot. Good luck to your first 21k. Let me know about it. Greetings to your family and Canada!

  4. Tilman

    Hey Hauke,
    Hut ab. Du machst mir Angst, wie auch diese Fragmente, gefunden auf http://www.extremeultrarunning.com/1stultra.htm

    Q: Is it bad to have blood in my urine?
    A: It is not good. However, it is not real uncommon…

    Q: What should I do if I throw up?
    A: Don’t step in it!!

    Bis denne ;-) ))
    Tilman

  5. Ingo

    Hallo Hauke, Du hast meinen vollen Respekt! Wo gibt es diese Fairtrade- Bohnen? Wirken die auch ohne Ultralauf?
    Immer weiter, Ingo

  6. Hannes

    Hauke – RESPEKT!
    Ich fand schon vorher, dass es ein ganz großes Vorhaben war. Und wie du es nun umgesetzt hast – RESPEKT! Wie du durchgehalten hast, auch wenn es ja ein paar kleine Tiefs gab. Aber völlig ohne Probleme bist du das Ding dieses Mal gelaufen. Das freut mich ganz besonders für dich, nachdem du den ersten Versuch abbrechen musstest.

    Und das “Ergebnis” im Ziel, dass du noch so fit warst, zeigte wohl auch, wie gut dir der gesamte Lauf getan hat. Nichts mit “Oh je, was für ein Kampf, es ist so unglaublich anstrengend, ich will das nicht”. Nein, du wolltest es. Super!

    Ich freue mich auf den Film.

  7. Laufblog von Hannes Christiansen

    Respekt…

    Dieser Respekt richtet sich an Hauke, der am Wochenende seinen Weserlauf geschafft hat. 290 Kilometer in 48 Stunden. Nicht nur sportlich sondern vor allem mental eine ganz große Leistung….

  8. Stefan ("Lauflöwe")

    Hallo Hauke,

    herzlichen Glückwunsch und Respekt zu dieser Leistung!
    Ich ziehe den virtuellen Hut!

  9. COUP DE VIL's Chris

    Ja so wars, ein echtes Erlebnis halt.
    Danke nochmal das du mir die Möglichkeit gibts bei so etwas dabei zu sein und es filmisch zu dokumentieren.

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