14. September 2010
von Hauke König
Von Dresden nach Hamburg – Kurs Nord-Nord-West (Teil I)
Prolog.
Es ist im Nachhinein sehr schwer diesen Lauf en Detaille zu schildern. Erstens, weil die Konzentration natürlich irgendwann nachlässt und ich teilweise schon froh war, wenn ich nach einem Boxenstop den ausgestreckten Arm eines Betreuers sah, der mit den Worten „Da lang!“ die Richtung deutete, in die ich laufen musste. Zweitens, weil ich durch etwa 90 Ortschaften gelaufen bin und man sich eine solche Strecke eh nicht merken kann, wenn man nicht alles gleich notiert. Und letztlich, weil ich beim Laufen versuche, immer in der Gegenwart zu sein und mich gedanklich so gut wie nie mit dem „wie lange noch“ oder dem „wie viel schon“ auseinanderzusetzen versuche. Das bringt während des Laufes immense Vorteile mit sich. Für das spätere Aufschreiben, dessen was ich gesehen und erlebt habe, ist das eher doof. Ich bitte also vorweg zu entschuldigen, wenn hier irgendwelche Orts-oder Wasweißichfür Angaben nicht zur vollsten Befriedigung der Leser taugen. Auch weiß ich nicht mehr ganz genau wann ich und wo mit Susanne, Tom, oder alleine gelaufen bin. Ich schreibe also einfach mal auf, wie ich diese fünf Tage erlebt habe. Ob ich jetzt zuerst und Blabladorf und dann in Soundsoburg war, spielt doch nicht wirklich keine Rolle, oder?
Los geht´s!
Ich liebäugelte eigentlich schon lange mit dem Gedanken, die Elbe von Dresden nach Hamburg zu laufen. Laut einer Internetseite sind das 560 Kilometer. Aber es kam mir immer zu lang vor, denn ich wollte (wenn schon) das Ganze möglichst nonstop laufen. Aber welche Strecken sind nonstop zu bewältigen? Sind 560 Km am Stück möglich? Keine Ahnung, also warf ich genau diese Frage auf dem Blog einmal in die Runde. Ich hoffte auf konkrete Erfahrungsberichte, von Leuten, die von so etwas gelesen oder gehört hatten. Oder auch Ansagen wie: „Auf keinen Fall geht so etwas“ oder auch „Ja, das ist möglich.“
Stattdessen meldete sich zuerst jemand und schreibt „Wenn du das versuchst, bin ich dabei und betreue dich.“ Und etwas später meldeten sich noch zwei Menschen, die es mit mir zusammen versuchen wollten. Was soll ich sagen…jetzt musste ich das ausprobieren.
Bei meinem Betreuer handelt es sich um Thomas Batteiger. Einem Arbeitskollegen, der schon lange einmal bei so etwas dabei sein wollte. Die beiden Läufer waren keine geringeren als Thomas Eller (auch bekannt als Tom Wingo durch seinen Blog http://marathonundlaenger.wordpress.com/ ) sowie Susanne Alexi aus Kölle. Beide hatte in diesem Jahr schon unglaublich viele Ulrawettkampfkilometer auf dem Tacho und jetzt wollen sie mit mir laufen? Unglaublich für mich. Aber super!
Bald kamen wir auf die Idee mit dem Lauf Kilometergeld zu sammeln und dieses dann Dunkelziffer e.V. zur Verfügung zu stellen. Also ein Spendenlauf. Vier Wochen später war es dann so weit. Es wurde eine Pressemitteilung rausgeschickt, damit wir durch eine große Öffentlichkeit an mehr Spender kommen. Es gab schon im Vorfeld ein Telefoninterview mit der Hamburger Morgenpost als ich gerade mit Thomas Batteiger in meinem Wohnmobil nach Dresden fuhr. Dort holten wir Tom und Susanne vom Flughafen ab, gingen danach in einem griechischen Restaurant essen. Während des Essens musste ich dann erwähnen, dass 1.) meine Karten, die ich gestern erst bekommen hatte, nicht gerade nützlich waren und dass 2.) die Strecke nicht 560Km, sondern nach meiner Berechnung eher 630Km lang ist. Das war hart, aber nicht zu ändern. Außerdem hatten wir verabredet, dass dies kein um alles in der Welt durchzulaufender Wettkampf sein muß, sondern dass wir so lange laufen, wie es eben geht. Und wenn es nicht mehr geht, wollen wir im Wohnmobil pausieren, bis wir wieder laufen können. Kein Zwang, kein Stress, sondern nur die Möglichkeit nutzen, einmal seine Grenzen auszuloten und ein Betreuungsfahrzeug dabei zu haben, in dem man essen, kochen und schlafen kann. Und zu schauen, ob 560 Km am Stück möglich sind.
Tag 1
Beginnt damit, dass um 5:30 ein Fotograf der Dresdener Morgenpost Fotos von uns beim Aufstehen und Vorbereiten machte und auch mit zum Startplatz an die Semperoper kommt. Dort wartete schon Stefan auf uns. Ein dresdener Ultraläufer und Freund von Tom, der uns auf den ersten 10-20 Km begleiten will. Der Fotograf schießt Bilder ohne Ende und mit einer halben Stunde Verspätung kann es dann endlich um 06:30 Uhr losgehen. Das Zentrum von Dresden ist übrigens sehr, sehr schön und es ist unmöglich, mir vorzustellen, dass hier einst alles in Trümmern lag. Es geht rechtsseitig die Elbe hinunter in Richtung Meißen.
Nach 10 Km wartet schon Thomas erstmals mit Verpflegung auf uns und dann geht es weiter. Vorbei an Weinbergen! Hier findet übrigens auch einmal im Jahr ein sehr spezieller Wettkampf statt. Der 24 Stunden Treppenmarathon in Radebeul. Einige meiner Freunde und Bekannten haben dort bereits teilgenommen. Mein Gott, was kenn ich für Leute!? Vielleicht sollte ich 2011 mal…aber weiter im Text.
Auch Meißen macht vom Elberadweg aus einen ziemlich hübschen Eindruck. Barock am Ring, oder Barock Obama vermute ich. Bauhaus ist es jedenfalls nicht. Das stammt ja bekanntlich von Ikea/Weimar. Aber Barock stammt ja auch aus Gelsenkirchen…mmhhh. Egal. In Meißen steht wieder Thomas und hat belegte Brötchen und Kaffee am Start. Frühstück. Genau richtig getimed. Das Wetter wird allerdings ungemütlich. Es ist bereits den ganzen Tag bedeckt, aber nun wird es auch immer windiger und kälter. Es sieht verdammt nach Regen aus. Et voilà! Am frühen Nachmittag fängt es an zu schütten wie aus Eimern. Und weil wir nicht schon am ersten Tag Blasen riskieren wollen und die Gefahr, dass alle unsere Sachen nass werden und nicht mehr trocknen, beschließen wir im Auto zu warten, bis es wieder aufhört. Tut es aber nicht.
Susanne und ich laufen trotzdem irgendwann weiter, weil wir endlich Kilometer machen wollen. Tom pausiert. Er fürchtet, den PTL (250Km, 18.000 Hhm um den Mont Blanc) zu gefährden, den er in zwei Wochen vor sich hat, wenn er jetzt zuviel läuft. Irgendwann nachts treffen wir dann wieder auf Tom und Thomas. Wir sind klitschnass und ich bin tierisch genervt von der Temperatur und dem Regen. Ich will 27°C ohne Wolken und mit Sonne. Auch nachts! Das schreibe ich zwar immer, aber es stimmt auch immer. Wir beschließen im Auto zu bleiben und zu schlafen, bis der Regen aufhört.
Es ist etwa 4:30 Uhr als Susanne und ich uns wieder auf die Socken machen. Aufgehört zu regnen hat es nur kurz. In den ersten 24 Stunden schaffen wir gerade einmal 75 Km. Das entspricht mit Nichten unseren eigenen Vorgaben. Und ich finde das Wetter schlichtweg zum Erbrechen. Es ist kalt regnerisch und die sächsischen Dörfer entlang der Elbe sind für mich teilweise in einem niederschmetternden Zustand.
Tag 2
Zwischenzeitlich hört es immer wieder auf zu regnen. Das ist gut. Es ist aber immer noch kalt und windig. Das ist schlecht. Ich laufe aber trotzdem einigermaßen tapfer mit Susanne und Tom durch dieses Wetter und es passt mir gar nicht. Irgendwann erreicht uns eine MMS auf dem Handy mit einem Foto der Samstagsausgabe der Hamburger Morgenpost. Über die gesamte Titelseite ein Foto von mir in Dresden und die Überschrift „Der härteste Sportler der Stadt – Haukes irrer Lauf nach Hamburg!“. Mir dreht sich der Magen um. Seite 6 und 7 sind auch komplett mit Fotos von uns gepflastert und einem Artikel. Wenn es vorher locker zu laufen war, weil es keinen äußerlichen Druck gab, war die Situation jetzt völlig anders. Mich wirft das völlig aus der Bahn. Susanne und Tom allerdings auch. Wie sollen wir nach diesem vergeigten ersten Tag noch einigermaßen im Zeitplan bleiben?
1000 Gedanken rasen mir durch den Kopf. Ich brauche eine Pause. Muss mich sammeln und die neuen Fakten und Gedanken sortieren. Am liebsten würde ich jetzt allerdings auf einem Stein sitzen und weinen. Tom und Susanne laufen weiter und ich fahre mit Thomas im Auto zum nächsten Treffpunkt. Wir haben mittlerweile die Grenze von Sachsen nach Sachsen-Anhalt passiert und daraus ergibt sich ebenfalls eine neue Situation. Die Sonne scheint und es wird etwa 25°C warm. Das ist sehr gut! Als Tom und Susanne ankommen erkläre ich, dass ich auf jeden Fall nach Hamburg laufe, egal wie lange es dauert. Und so laufe ich wieder los. Alleine auf dem Deich bei herrlichem Wetter. Zwischendurch bekomme ich von Anwohnern auf Nachfrage kaltes Leitungswasser, welches ich mir über Kopf schütte. Es ist heiß ohne Schatten. Trotz alledem bin ich noch sehr mit meinen Gedanken beschäftigt und so passiert mir ein blöder Fehler. Ich biege ein Dorf zu früh vom Deich ab und warte auf so einer Art Dorfplatz auf meine Crew. Nichts von ihnen zu sehen. Wir telefonieren und sie fahren suchend umher. Im falschen Dorf. Nach etwas 45 Minuten und diversen Telefonaten können wir endlich den Irrtum aufklären und sie kommen zu mir.
Weiter geht es mit Susanne durch Wiesen und Felder. Als wir gegen 22:00 in Coswig sind, mache ich eine Stunde Pause, während die anderen sich selbst auf eine Einschulungsparty in der Nähe einladen. Die haben echt am Gartenzaun gestanden und in den Garten hineingefragt, ob sie sich nicht zu der Partygemeinschaft gesellen dürften. Sie durften selbstverständlich. Wie geil! Gut gelaunt kommen sie nach einer Stunde wieder zurück, wecken mich auf und ich laufe mit Tom in die Nacht.
Die Etappe bis zum nächsten Treffen soll 14 Km lang sein und wir wollen uns unter einer Autobahnbrücke treffen. Leider verliert sich die Wegbeschilderung an der ungünstigsten Stelle dieser Etappe. Mitten in einem Wald, der von mehreren Seen umrandet wird. Nix geht mehr. Wir probieren alle Möglichkeiten aus, die da sind, aber die meisten der Pfade enden entweder im Nichts oder im Wasser. Es ist stressig, ermüdend und unglaublich zermürbend. Wir wissen allerdings die ungefähre Richtung, weil wir irgendwo in der Ferne die Autobahn sehen können. Da irgendwo hinter dieser Biotoplandschaft. Es bleibt uns keine andere Wahl. Wir müssen einen Weg querfeldein zur Autobahn finden. Übrigens ein sehr guter Zeitpunkt für die Stirnlampenbatterien den Geist aufzugeben. Ich habe aber zum Glück Ersatzbatterien dabei, die in Susannes Stirnlampe passen, die Tom jetzt trägt. Wir schlagen uns durchs Dickicht, über zugewachsene Treckerspuren und ein Stoppelfeld, steigen über Zäune und gelangen irgendwann so zur Autobahn. Aber in welcher Richtung liegt die Brücke? In weiter Ferne sehen wir rote Lichter am Himmel.
Könnte eine Brücke sein. Also los. Und tatsächlich finden wir plötzlich eine Teerstraße und bald darauf auch die Brücke. Sie ist mehrere hundert Meter lang und auf unserer Seite ist kein Wohnmobil zu finden. Nachdem wir abermals mehrere Möglichkeiten vergeblich ausprobieren und wieder Zäune und Dickicht über und durchquert hatten finden wir (eher zufällig) einen Fußweg auf der Brücke. Ich erwähne nur so nebenbei, dass der natürlich hinter einem Zaun lag und von unterhalb der Brücke nicht zu sehen war undundund.
Auf dem Fußweg neben der Autobahn sehe ich schon Thomas mit einer Taschenlampe winken. Als wir nach über vier Stunden am Auto ankommen, sind sowohl Tom, als auch ich total am Ende. Nicht körperlich, sondern mit den Nerven. Ich habe so was von keine Lust mehr auf diesen Sch… und wir verabreden eine Pause, bis es hell wird.
Tag 3
Als Susanne mich nach etwa zwei Stunden weckt, ist alles wieder gut. Wir laufen gemeinsam durch eine echt tolle Wald- und Seenlandschaft. Das Wetter ist genau richtig und wir ziehen durch. Ganz locker, aber durchgehend. Am Nachmittag verfinstert sich der Himmel wieder und es wird kälter. Kein Wunder, denn jetzt wird es richtig hart. Wir laufen an einem Braunkohletagebaugebiet vorbei. Mitten in den Feldern Zäune und dahinter zerpflügte Erde. Wunden. Und in der Ferne sehen wir die riesigen Maschinen. Und was für mich am schlimmsten ist: Ich höre sie. Das übliche Maschinenmotorengeräusch geht ja noch, aber die kaum hörbaren, dumpfen Bässe, die von den riesigen Schaufeln herrühren, die sich im Sekundentakt in die Erde wühlen und die man durch den vibrierenden Boden spüren kann, setzt mir richtig zu. Körperlich. Mir wird schlecht davon. Hier wird so brachialer Raubbau an Mutter Erde betrieben, dass ich nur noch weg will. Wann merkt ihr endlich, dass so etwas nicht geht? Nachts laufe ich wieder mit Tom.
Wir kommen wieder nur schleppend voran, weil ich nicht mehr kann. Also wandern wir kilometerweit, bis meine Beine streiken. Das ist gerade deswegen so schade, weil ich mit Tom so wunderschöne und gute Gespräche führen konnte und weil ich ihm gewünscht hätte, mit mir mehr Kilometer laufen zu können. Das Versorgungsfahrzeug holt uns irgendwo an einer Landstraße ab, wir steigen ein und fahren den Rest bis nach Magdeburg im Bus. Noch bevor es wieder hell ist laufe ich mit Susanne in Magdeburg los. Ich kenne die Stadt ja eigentlich nur von schnell wegschauen, aber jetzt präsentiert sie sich ganz ohne Plattenbauten und Nazis. Wir durchqueren eine große, schöne, parkähnliche Landschaft in der Morgendämmerung. Rehe im Nebel! Magdeburg räumt auf mit meinen bisherigen Erfahrungen. Danke!
Kurze Schreibpause – bald kommt Teil II…
Hauke,
hau rein, ich will Teil II
Liebe Grüsse
Jens, sehr gespannt weil diesmal aus einer anderen Perspektive erzählt wird
Hey Hauke!
Schön, mal wieder von alten Bodenseefreunden zu lesen! Jetzt ist das Galgenhölzle richtig weit weg! (Nicht nur kilometer- sondern auch zeitmäßig!) :0)
Liebe Grüße Libelle
Libelle!!!
Wie schön von dir zu lesen. Freut mich sehr!