10. Februar 2011
von Hauke König
Schleswig-Holstein Umrundung – Teil I
Prolog)
Es sind diese Momente im Leben in denen ich in Bruchteilen einer Sekunde ein Bild von irgendetwas in mir habe. Zack! Plötzlich ist es da. Und wenn ich es mir dann eine Weile angeschaut habe, weiß ich: „Hauke, aus der Nummer kommst du nicht mehr raus.“ Es ist ja schon da, das Bild, die Idee. Und verlangt von mir nach Abarbeitung. Ich muss das dann machen. Egal, ob ich und mein Umfeld eigentlich damit einverstanden sind, ich es mir nicht leisten kann, oder was weiß ich. Ein, wie ich finde, guter Anhaltspunkt, um zu sehen ob das funktionieren kann ist, dass sich in den folgenden Stunden nach einem solchen „Geistesblitz“ viele Dinge wie von selbst ergeben: Fahrer, Betreuer und Menschen, die das mit mir zusammen bestehen wollen, melden sich bei und wir planen in Ruhe und gemeinsam all das, was von Nöten ist. Nichts ist erzwungen. Alles ergibt sich wie von selbst. Das sind gute Parameter, um so etwas zu machen.
Ein etwas schwierigerer Punk in der Vorbereitung zu diesem Unternehmen war die sportliche Vorbereitung. Torsten z.B. hat in den letzten Wochen vor dem Lauf ein Wochenpensum von 200 Km und mehr hingelegt. Ich hingegen hatte mir im Oktober eine üble Verletzung am Fuß zugezogen und konnte drei Monate fast überhaupt nicht trainieren. Zwölf Tage vor unserer Schleswig-
Holstein Umrundung konnte ich mein „normales“ Training erst wieder aufnehmen. Um für ein solches Unternehmen gut vorbereitet zu sein, reicht das eigentlich nicht wirklich. Eigentlich grenzt es eher an Wahnsinn sich völlig untrainiert an so ein Experiment zu wagen. Aber ich war mir sicher, das trotzdem schaffen zu können.
1.Tag)
Morgens um kurz nach 5 Uhr machen Torsten Riemer, meine Schwester und ich uns mit dem Wohnmobil auf den Weg nach Lübeck. Von hier geht es los. Wir starten mit Kurs auf Travemünde. An den Brodtener Steilklippen geht die Sonne, leider für uns nicht sichtbar, in einem Hochnebelfeld auf. Wir laufen zügig und treffen uns in Timmendorfer Strand zum ersten kurzen Versorgungsstop mit Dietke, die das Wohnmobil fährt.
Am Mittag bei Km 42, also nach unserer ersten Marathondistanz, wartet ein Sat1-Team auf uns, filmt, interviewt und begleitet uns über mehrere Stunden. Gleichzeitig klingelt mein Telefon sturm und viele Radio-und Fernsehstationen wollen Interviews oder Termine absprechen. Das Wetter verändert sich zum Nachmittag und es gibt jetzt immer wieder Nieselregenschauer. Es geht immer direkt an der Küste entlang über Sierksdorf, Pelzerhaker, Kellenhusen und Dahme. Von dort aus landeinwärts nach Oldenburg in Holstein, da wir uns eine Umrun
dung von Fehmarn sparen wollen. Etwa alle 20 Km machen wir kurz Rast und es gibt heißen Ingwertee mit Honig, Wasser, Cola, frubiase und reichlich Essen. Abends kocht Dietke für uns. Und das kann sie gut! Als wir uns nach etwa 90 Km Oldenburg in Holstein nähern, fängt es immer wieder an richtig zu regnen. Schneeregen. Und weil die Beschilderung in der Stadt nur schwer erkennbar ist, verlaufen wir uns beim Versuch die Stadt in Richtung Kleinwessel zu verlassen und müssen eine Ehrenrunde von etwas 3Km drehen. Vom Wetter, den bereits gelaufenen Kilometern und dem Verlaufen genervt, beschließen wir nach bereits 95 Kilometern in Weißenhäuser Strand unser Nachtlager aufzuschlagen. Es ist kalt, regnerisch und sehr windig als ich im warmen Auto sehr schnell einschlafe.
2.Tag)
Um 5:30 Uhr hält ein NDR-Fahrzeug neben unserem Wagen und ein Filmteam begleitet uns von hier an bis gegen 13:00 Uhr. Wir laufen nun durch die so genannte Holsteinische Schweiz. Eine Endmuränen-Hügellandschaft, die teilweise mit sehr knackigen Aufstiegen aufwartet. Wir kommen deswegen auch viel langsamer voran, als geplant. Aber schön ist es hier, wenn man auch gut mal auf die Anwesenheit von Menschen verzichten kann. Es geht jetzt in Richtung Kiel. Kurz vor Laboe kommt uns noch der Lornz Lorenzen entgegengelaufen. Er ist der Redakteur des begleitenden NDR-Teams und läuft mit einer Stirnkamera bewaffnet und in Laufklamotten einige hundert Meter mit uns. Dann verlässt uns das NDR-Team. Für heute.
Torsten und ich laufen jetzt in die Kieler Förde ein. Zu meinem Achillessehnenproblem am rechten Bein gesellt sich nun auch noch ein Shin-Split. Eine sehr schmerzhafte Reizung (später Entzündung) der Schienbeinknochenhaut. Telefonisch bitte ich Susanne Alexi von Köln aus über das Internet eine Pysiotherapiepraxis in Kiel zu finden, die mich schnell und unbürokratisch behandeln können. Sie findet eine. Aber erst einmal müssen wir die Förde entlang bis nach Kiel. Es zieht sich ewig. Und direkt vor Kiel wird es dann auch wieder hügelig. Sehr hügelig. In Kiel laufen wir dann fast nur noch bergab, aber dafür viele Kilometer bis zu einer Brücke, direkt gegenüber dem Hauptbahnhof. Hier soll aus mehreren Gründen erst einmal eine längere Pause eingelegt werden. Erstens: Meine Schwester wird von Florian Kutzke abgeholt und nach Hause gefahren. Schade, denn Dietke hat so toll für uns gesorgt, hat super gekocht und uns alle Wünsche von den Augen abgelesen.
Zweitens muss ich mein Bein behandeln lassen und drittens müssen wir unseren neuen Betreuer Tilman Köneke aus Eckernförde abholen. Also fährt Torsten den Wagen nach Altenholz zu der Osteopathiepraxis von Svenja Nissen und gleich weiter nach Eckernförde, um Tilman abzuholen. Die Behandlung wirkt und der Shin-Split verabschiedet sich. Die Probleme an der Achillessehne bleiben jedoch. Sobald Svenja mit mir fertig ist (sie hatte nämlich extra noch auf mich gewartet) sind Tilman und Torsten auch schon wieder da und laden mich ein. Vielen Dank noch mal von hier aus an Svenja Nissen. Good Job!!!
Zum Weiterlaufen ist es jetzt irgendwie zu blöd und zu spät und wir parken die Karre in der Nähe von Kiel, um am nächsten Morgen von dort aus weiter zu laufen, wo wir heute aufgehört haben. Tilman kocht ganz fantastisch und pimpt die Reste des letzten Essens, das Dietke für uns gekocht hat. Mmmmhhhh!!!
3. Tag)
Früh auf und schnell los nach Kiel-Ciddy. Hier hatten wir gestern Nachmittag aufgehört und dadurch viele Stunden verloren. Und hier fangen wir heute wieder an zu laufen. Leider verfahren wir uns, weil die Bahnhofstraße uns nicht an den gewünschten Ort bringt. Hauptbahnhof hätten wir ins Navi eingeben sollen. Egal, letztlich kommen wir doch an und laufen mit einer Stunde Verspätung um 07:00Uhr durch die Stadt, immer an der Kieler Förde entlang Richtung Eckernförde. Aus der Stadt heraus zu kommen, gestaltet sich als etwas schwierig. Der Weg kreuzt, über- und unterläuft immer wieder eine Bundesstraße. Manchmal laufen wir auch auf dem Radweg direkt an der Straße. Wie ätzend! Als wir
endlich nicht mehr in Bundesstrassennähe sind, gehen wir in Friedrichsort in einen Supermarkt und kaufen uns dort Kakao und belegte Brötchen. Es sind zwar nur wenige Kunden im Laden, von denen werden wir aber interessiert gemustert und von zwei Menschen angesprochen. Sie hatten einen Bericht über uns im Fernsehen geschaut und wussten, was wir vorhatten. In Dänisch Nienhof treffen wir dann Tilman wieder und pausieren kurz. Mein Bein schmerzt, aber es kommen ja noch weit über 400 Kilometer. Also Zähne zusammen beißen und nix wie durch. Es gelingt mir immer wieder die Schmerzen einfach zu ignorieren. Allerdings nicht ganz, denn sowohl die Achillessehne, als auch mein Shin-Split haben sich entzündet und sind dick geschwollen und heiß. Trotzdem laufen wir „ganz gemütlich und schön“
weiter.
Die Sonne scheint nun ab und zu und wir können aus vielen Kilometern Entfernung quer über die Ostsee Damp 2000 im Sonnenlicht strahlen sehen. Wir laufen einfach nur, als uns Rennradfahrer entgegen kommen, die uns fragen, ob wir die Typen sind, die Schleswig-Holstein umrunden wollen. Wir nicken und die Radler freuen sich und halten uns die Daumen hoch. Nett! Irgendwann hält am Seitenstreifen der Landstraße ein alter grüner 190er. Heraus steigt ein älterer Mann und ruft zu uns rüber „ Hey! Ihr wollt doch Richtung Eckernförde, stimmts? Ich hab euch im Fernsehen gesehen. Aber ihr seid hier falsch! Nach Eckernförde geht es da lang.“ Und zeigt dabei in die Richtung aus der wir gerade kommen. Oh nein, wir sind irgendwo falsch oder eben nicht abgebogen. Der Mann erklärt uns, wo wir sind und lotst uns wieder auf den richtigen Weg. Danke dafür! Es geht irgendwie weiter voran und um etwa 15.00Uhr sind wir endlich in Eckernförde. Von da an geht es über seichte Hügel in Richtung Kappeln weiter. Der Vollmond geht riesig und rot über der Ostsee auf. Ein sehr schönes Bild. Mit der Dunkelheit wird es auch feuchter. Und glatt. Wir schliddern bis Damp und treffen dort auf unser Versorgungsfahrzeug.
Über Damp könnte ich einen eigenen Bericht schreiben. Eine aus dem Boden gestampfte Ferienwohnung-Hotel-Hochhausstadt, in deren Mitte noch einige alte Reeddach-Fischerkaten stehen. Unpassender geht es nicht. Wir wollen heute nicht mehr laufen. Deshalb suchen wir einen geeigneten Platz zum Übernachten. Wir müssen ein paar Kilometer fahren und finden dann einen lauschigen, einsamen Parkplatz in Schuby. Schnell die Beine hoch. Für morgen früh um 05:30 Uhr hat sich ein RTL-Team angekündigt.
Fortsetzung folgt…
Hauke,
gutes Intro.
Ich kenne die Auslöser: Entweder fixt es dich sofort und unaufhörlich an (“Sekundenbruchteil”) oder es läßt einen kalt und kommt nie wieder.
In welchem Hirnteil die SH-Umrundung gelandet ist, ist ja bekannt… bin gepsannt auf die Fortsetung.
LG
Jens
Unglaublich, einfach nur der Wahnsinn, wie kann man nur mit einer solch schlechten Trainingsvorbereitung und solchen Schmerzen das Ding überstehen.
Hauke, du erstaunst mich immer mehr, und ich bin schon sehr gespannt, was in Teil 2 noch so alles kommt!!!
Hallo zusammen,
ja, diese Momente, die kenne ich auch. Inzwischen kenne ich aber auch die Momente, in denen ich weiß, dass es besser ist, aus so einer Nummer auszusteigen. Ist aber viel schwerer, dass mit dem Ausstieg zu erkennen, als den Einstieg. Außerdem macht der Einstieg viel mehr Spaß. Wirklich kompliziert …
VG
Tobias