Der frubiase® SPORT blog

30. Juni 2011
von L.F.

Geschafft

Es kam wie es kommen musste: Es kam der 15 Mai 2011, der Tag auf den wir uns sechs Monate und ca. 1000 Km lang vorbereitet haben – der große Marathonlauf 42,195 Km. Es gab kein Zurück mehr. Wir wurden um 8:00 Uhr morgens aus den Hafthäusern geholt. Ich persönlich war richtig aufgeregt, obwohl ich wusste was mich erwartete. Trotzdem war ich nervös. Als wir alle auf den Laufgelände waren, kamen auch langsam die Läufer von „Draußen“ und aus den anderen Haftanstalten auf das Gelände. Nach und nach wurde es immer voller und es ging drunter und drüber: Manche haben sich warmgelaufen, manche sich umgezogen fürs Laufen und manche haben sich noch ein paar Tipps geholt. Um 10:00 Uhr sammelten sich alle und warteten auf das Startzeichen. Unsere Marathongruppe mischte sich unter die Menge. Wir gehörten dazu und wurden auch so behandelt. Egal, ob Knacki oder Nicht-Knacki, alle waren gleich gestellt. Dann ging es los. Die Aufregung stieg und ich lief erst mal einfach los, aber kam nicht richtig voran, weil die ganzen Läufer sich erst noch aufteilen mussten. Aber nach der ersten Runde (1,7 Km) ging es dann und es bildeten sich mehrere Gruppen und die meisten hatten ihr Tempo gefunden. Ich persönlich habe mich entschlossen 11 Kmh zu laufen, was ich auch gemacht habe. Ich wollte unbedingt unter vier Stunden laufen, das war mein Ziel und ich war fest entschlossen. Das Wetter war ganz gut, nicht zu warm wie das letzte Mal und geregnet hat es zwischendurch auch mal, was eine gute Abkühlung war.

Es lief gut für mich. Ich lief  zusammen mit einem aus unserer Marathongruppe und wir motivierten uns gegenseitig, wir fühlten uns gut und fit. Zeitlich waren wir auch gut dabei. Ich lief einfach und dachte an nichts. Es wurde geklatscht von allen möglichen Leuten, die Musik lief  und ich hatte richtig Spaß beim Laufen.

Bis dann die Zeit kam, wo es nicht mehr so lustig war. Ich merkte, wie die Beine schwer wurden und es  machte sich bemerkbar, dass ich schon drei Stunden laufe. Das Tempo zu halten, war auch nicht mehr so leicht. Ich hörte über die Boxen, dass schon die ersten Läufer durchs Ziel gelaufen sind. Ich dachte mir: „Oh man, haben die es gut.“ Aber ich lies es nicht an mich ran und lief weiter. Mit der Zeit hört man nichts mehr und sieht nichts mehr, man ist einfach nur mit sich selbst beschäftigt. Ein Tunnelblick und laufen, laufen laufen. Ich holte Läufer ein, die vorher noch weit vorne waren, aber jetzt zu kämpfen hatten und langsamer wurden. Ich selbst kämpfte zu diesem Zeitpunkt auch mit mir selbst. Hörte oft meinen Namen rufen, von Insassen, die laut schrien „Weiter, weiter, das schaffst du!“ Das gab mir Kraft. Ohne, dass ich es bemerkt habe, hatte sich mein Mitläufer verabschiedet. Er hatte Krämpfe bekommen und musste langsamer machen. Ich drehte mich um und er war nicht mehr da, aber es musste weiter gehen für mich. Es waren schon weit über drei Stunden vergangen. Langsam bekam ich Schmerzen, das Tempo wurde langsamer. Und dann ging der  Kampf richtig los. Immer wenn ich an unseren Trainer vorbeilief, die die ganze Zeit  Auge auf uns hatten, wurde ich gefragt „Alles OK?“ Und ich lächelte kurz und sagte „Ja, alles OK“  Doch in Wirklichkeit war schon lange nichts mehr OK

Ich schaute auf die Uhr, wie ich in der Zeit liege. Vielen waren zu dem Zeitpunkt schon im Ziel und freuten sich es geschafft zu haben. Ich sagte mir selbst: Du hast es auch bald geschafft“ und lief weiter so gut es noch ging. Ich habe am Ende viel Tempo verloren und hatte es schon fast aufgegeben, es unter vier Stunden zu schaffen. Ab und zu  bin sogar normal gegangen vor lauter Erschöpfung. In der letztern Runde kam dann ein Helfer, auch ein Insasse, den ich kannte. Er sprach mir Mut zu und sagte immer wieder:  „Es ist die letzte Runde, du musst jetzt alles geben, du kannst es noch schaffen.“ Er wusste, dass ich unter vier Stunden bleiben wollte. Er trieb mich immer wieder an und ich mobilisierte meine letzten Kräfte.

Ich erhöhte das Tempo. Er begleitete mich die letzte Runde und ich wurde immer schneller. Die Hoffnung war wieder da, es doch noch zu schaffen. Kurz vorm Ende sagte er mir „Du musst Gas geben, dann schaffst du es noch“. Ich legte noch einen Endspurt hin und frage mich heute noch wie ich das gemacht habe, woher ich diese Kraft noch hatte.

Beim Zieleinlauf schaute ich auf die Anzeigetafel  und tatsächlich: Ich hatte das geschafft, was ich am Ende nicht mehr für möglich gehalten habe. Zielzeit: 3:57:15 Stunden und ich umarmte vor Freude den, der mich die letzte Runde begleitet hatte und dafür gesorgt hatte, dass ich noch einmal alles aus mir heraus geholt habe. Es war einfach ein TOLLES GEFÜHL. Die Leute, Trainer und Insassen, gratulierten mir. Alles in allem: Es war es wert, einfach SUPER und ich würde es noch mal tun. Was mich natürlich auch sehr gefreut hat: Alle Läufer von unserem Marathonprojekt der JVA Darmstadt sind erfolgreich ins Ziel gekommen.

Ich kann hier an alle nur noch mal Glückwunsch sagen für die super Leistung und hoffe, dass viele von uns diesen Sport beibehalten werden auch noch nach der Entlassung aus der Haft. Ich werde es auf jedem Fall tun. Vielleicht werde ich mal als freier Mann und Gastläufer an einem der legendären Darmstädter Knastmarathons mitlaufen. Ich kann nur noch betonen es war mal wieder eine super Veranstaltung mit allem was dazugehört.

Danke an die Trainer, der Anstaltsleitung der JVA Darmstadt und an die viele freiwilligen Helfer, Beamte und Insassen, ohne die das Projekt nicht umsetzbar gewesen wäre.

Auch großen Dank an frubiase als Sponsor und natürlich großen Dank an alle Teilnehmer und  Leser und Leserinnen, die uns durch Berichte zum Knastmarathon von den Vorbereitungen bis zum Ziel begleitet haben. Ich hoffe es hat Spaß gemacht, dies leserlich zu verfolgen und hoffe, dass Ihr beim nächsten Mal wieder reinklickt, denn bis zum 6. Knastmarathon dauert nicht mehr lange.

Glückwunsch an alle Teilnehmer vom 5. Darmstädter frubiase SPORT Knastmarathon.

L.F.

Eine Reaktion zu „Geschafft“

  1. Ulrike

    Vielen Dank für den packenden Bericht und herzlichen Glückwunsch zum Knacken der 4 Stunden.

    Ulrike

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