Der frubiase® SPORT blog

17. Juni 2011
von Hauke König

Schweiß, Blut und Tränen II

Die Nacht ist sehr kalt und ganz in der Nähe des Camps höre ich Dingos den Mond anheulen. Klingt fast wie Wölfe und wirkt auf mich total beruhigend. Echt. Am Morgen versuche ich ein Foto vom Himmel zu machen, aber es ist total verwackelt, weil ich so stark zittere, dass ich die Kamera nicht ruhig halten kann. Mit Sicherheit liegt die Quecksilbersäule unter Null Grad und am frühen Morgen noch vor Sonnenaufgang war es auch noch nicht viel wärmer. Beim Briefing erklärt uns Jérôme, dass er die Strecke ändern wird, damit hoffentlich alle auch den Weg ins Ziel schaffen. Sein Plan sieht vor nach der heutigen  Etappe eine 17Km Etappe morgen und dann 50, 60, 60 und 129Km an den folgenden Tagen. Ich habe dazu irgendwie keine Meinung. Schwierig wird es so oder so.

Wir laufen um 7 Uhr kurz vor Sonnenaufgang los. Es geht an Hermannsburg vorbei auf einer Piste, die sehr gut zu laufen ist und um Hermannsburg sogar asphaltiert ist. Aber bei Km 18 geht es dann rechts ab und ich gelange nach zwei Kilometern wieder in ein Flussbett. Und wieder muss ich alle paar Minuten den Sand aus meinen Schuhen entfernen. Die Überlegung an Gewässern eine flache Stelle zum Überqueren zu suchen bei der die Schuhe möglichst nicht nass werden, habe ich ad acta gelegt. Die Gewässer haben übrigens eine perfekte Temperatur. Und so freue ich mich jetzt sogar immer durch Flüsse zu laufen, denn es ist total erfrischend.

Mal vor und mal hinter mir läuft Pete. Ein sehr sympathischer Neuseeländer, der mit dem Sand die gleichen Probleme hat wie ich. Es geht durch teilweise schulterhohes Schilfgras und ich kann nicht sehen, wo ich beim nächsten Schritt hintrete. Angesichts der Schlangen, die es hier ganz ohne Zweifel zu Tausenden gibt ein echt…ich nenne es mal ein ziemlich „uncooles“ Gefühl. Ich achte darauf, dass ich bei jedem Schritt möglichst heftig auftrete, damit Schlangen mich bemerken können und sich hoffentlich rechtzeitig vom Acker machen. Bislang erfolgreich. Der letzte Checkpoint kommt wesentlich schneller als erwartet und ab hier sind es nur noch 5 Km bis zum Etappenziel. Pete gibt noch mal alles und zieht ab. Ich genieße die letzten Kilometer und freue mich gleich da zu sein.

 „Cooles Camp!“ war das erste das dachte, als ich über den letzten Hügel lief. Alle Zelte auf einer Sanddüne, dahinter ein Fluss und Berge und blauer Himmel. Das heißt unter anderem: Schlafen ohne Steine im Rücken. Klasse! Wir bekommen am Ende der fünften Etappe unsere Dropbags ausgehändigt. Die haben wir alle vor dem Rennen gepackt und darin befindet sich das Essen für die kommenden Tage und Wechselklamotten. Bei mir ist es nur das Essen. Allerdings hatte ich mir auch einige „Spezialitäten“ eingepackt: asiatische Nudel. Nicht wegen des Nährwertes, sondern wegen des Geschmackes. Wenn ich mich über Tage ständig von dem gleichen Kram ernähre, verlangt es mich nach Abwechslung. Und so freue ich mich auch jeden Abend auf meine frubiase Brausetablette, die ich in meiner Flasche auflöse und genieße. Das ist unglaublich gut, wenn man sonst nur literweise Wasser zu trinken hat. Dann geht das große Tauschen los. Ich habe Reis-Cashew-Curry und tausche gegen verschiedene Nudelgerichte. Allerdings tauscht niemand sein Essen mit den Koreanern. Spätestens nachdem sie sich am Lagerfeuer ihre eingelegten Maden aus der Dose gegessen haben, will niemand mehr mit ihnen tauschen. Es war auch nie klar, was sie da eigentlich essen. Einmal hat mir einer der Koreaner „pickles“ angedreht. “It´s guud! My granny used to cook with it. Take, take!“ Unter „pickels“ hatte ich irgendwie eingelegtes Gemüse im Sinn. Das was ich jetzt in der Hand halte ist….keine Ahnung. Ich beiße ein Stück ab und kaue. Komisches Gemüse. Irgendwie zäh. Und dann plötzlich toootal salzig. Der Koreaner grinst mich an. „It´s guud! I think it´s made of tuna.“ Würg. Ich lächle ihn an und schmeiße den Rest ins Feuer. Jakob kommt auf mich zu und fragt, ob ich noch etwas von ihm zu essen brauche. Und weil er Däne ist und mir gerade danach ist, frage ich ihn scherzhaft nach Salzlakritz. Jetzt grinst er von einem Ohr zum anderen, rennt in sein Zelt und kommt tatsächlich mit Salzlakritz wieder und gibt mir ein paar Stücke. Wow, das war sehr gut!

Das Feuer morgens und abends wird, so habe ich das Gefühl, von Tag zu Tag riesiger. Ist mir sehr recht. Schnell Wasser kochen, Essen, Ausruhen. Mittlerweile haben viele Läuferkollegen und Kolleginnen übelste Blessuren an den Füssen. Ich spare mir hier detailliert Beschreibungen, aber ich habe so etwas vorher noch nicht gesehen. Die Krankenschwestern und der Arzt haben auf jeden Fall immer alle Hände voll zu tun, wenn die Teilnehmer im Camp eintrudeln.

Heute ist die 17Km Etappe dran. Wir werden mit den Geländewagen etwa 20 Minuten auf einer Sandpiste zum Start gefahren. Von dort dann einfach gerade aus. Der Untergrund ist sandig, aber im Vergleich zu den zurückliegenden Etappen Luxus. Im Ziel angekommen werden wir wieder von den Geländewagen zum heutigen Nachtlager gefahren. Die Zelte stehen hier zwischen niedrigen Bäumen verteilt. Langsam bemerke ich an mir und den anderen die Strapazen der letzten Tage. Alle haben diesen merkwürdigen Gesichtsausdruck und gedanklich trennt sich die Spreu vom Weizen. Alles Unwichtige tritt in den Hintergrund und alles Wichtige gewinnt an Tiefe. Auch die Beziehungen der Läufer untereinander. Wir verstehen uns. Wir machen das hier gemeinsam. Wir helfen uns. Es gibt nur noch uns. Die andere Welt, aus der wir kommen, verschwindet. So könnte ich das versuchen zu beschreiben, aber in Wirklichkeit ist es noch anders und intensiver.

Die sechste Etappe starte ich schnell, denn der Untergrund lässt das für mich zu. Ich freue mich sehr, dass ich endlich mal ganz normales Tempo laufen kann und arbeite mich nach vorne. Auf einem Baum sehe ich einen riesigen weiß-rosa gefärbten Kakadu sitzen. Wunderschönes Tier. Es geht mir gut, ich bin schnell und dann, nach vielleicht 20 Kilometern, geht es wieder los mit dem Sand und muss wieder sehr oft anhalten um die Schuhe auszuleeren. Außerdem sind mehrere Blasen an den Füssen jetzt offen und der Sand tut sein Übriges. Ich bin nach vielleicht 40 Kilometern mental total fertig. „Dieser Sch… Sand!!!“ Durch meine ungewollten Pausen ziehen nach und nach alle Läufer, die ich vorher überholt hatte, wieder an mir vorbei. Frust.

Über die Etappen 7 und 8 kann ich eigentlich nur sagen, dass ich sie gelaufen bin. Irgendwie. Durch den Busch, durch knöcheltiefen Sand, durch Wasser und auf so called „Highways“ von denen ich mir sicher bin, das hier teilweise nicht einmal ein Geländewagen durchkommt. Riesige ausgewaschene Löcher von den Regenfällen der letzten Monate haben die Straßen unpassierbar gemacht. Und trotzdem stehen die Versorgungsfahrzeuge alle 16-20 Km mit Wasser da. Im Nirgendwo. Ich frage mich wie die dahin gekommen sind. Zauberei? Hubschrauber? Ich hatte mir zum Glück nach der letzten Etappe meine Füße von Tanja, einer deutschen Krankenschwester, versorgen lassen. Das war im Bezug auf die Möglichkeit zu laufen sehr schlau von mir. Gestern hatte ich nämlich noch bezweifelt überhaupt weiterlaufen zu können. Ein anderes Problem ist die jetzige Größe meiner Füße. Die passen nämlich nur noch gerade so in die Schuhe. Aber bald bin ich ja im Ziel. Hoffentlich.

 Die Nacht vor der letzten Etappe war mit Abstand die kälteste der gesamten Zeit. Irgendjemand erzählt mir was von minus zwei Grad. Gefühlt war es kälter. Auch die Mäuse waren wieder fleißig uns um den Schlaf zu bringen. Aber egal. Bei der Kälte wacht man ja eh ständig zitternd auf. Am Morgen vor der letzten und mit 129Km längsten Etappe sind alle total aufgekratzt und nervös. Ich fange an zu laufen und weiß: Wenn ich aufhöre bin ich im Ziel. Ein sehr guter Gedanke. Bis dahin sind es allerdings noch einige Stunden.

Der Tag wird mit dem Sonnenaufgang sofort heiß. Und aus der kältesten Nacht wird der heißeste Tag des Rennens. Ich habe mit Ana und Jakob verabredet, dass wir zusammen bleiben und gemeinsam am Ayers Rock ankommen. Ganze Horden von Zebrafinken und Wellensittichen begleiten uns. Die ersten 30 Km dieses Tages eumeln wir über die schlimmste Sandpiste der letzten neun Tage. Überall finden wir frische Spuren von wilden Kamelen und Kängurus im tiefen Sand, aber sehen tue ich sie nicht. Schade eigentlich. Dass ich bisher noch keine einzige Schlange gesehen habe, finde ich hingegen total super! Und was am coolsten ist: Meine Angst vor Schlangen weicht, weil sie mir bewiesen haben, dass sie flüchten, wenn ich komme. Danke Euch Ihr netten Tiere. Allerdings finde es völlig verantwortungslos eine solche Etappe auf diesem Untergrund zu starten und rege mich furchtbar auf. Aber mit Beginn der asphaltierten Straße, die wir insgesamt 80Kilometer laufen, ist der Frust bald vergessen.

Bei Ana allerdings nicht. Sie hat so starke Schmerzen im rechten Fuß, dass sie weint. Sie kann nicht mehr laufen. Nur noch gehen. Ich verabrede mit Jakob, dass, sobald wir die ersten Läufer überholen, wir Ana bei ihnen lassen, damit wir schneller weiter laufen können. Aber wir machen das dann doch nicht. Irgendwas bindet uns aneinander. Ich wäre allerdings lieber gelaufen als zu wandern, weil ich mir durch meine Tapeverbände an den Füssen und das Gehen eine ziemlich üble Blase gelaufen habe. Beim Laufen ist davon nichts zu spüren, aber beim Wandern wird es schlimmer. Ich versuche zwischendurch die anderen zu motivieren wenigstens kurze Passagen zu laufen. Anas Fuß fühlt sich nämlich von Stunde zu Stunde besser an. Und so machen wir das dann auch.

Die Nacht bricht herein und sie ist gar nicht kalt. Es ist wie eine Sommernacht. Direkt hinter uns geht der Vollmond auf und leuchtet die schnurgerade Strasse aus. Irgendwann bin ich so müde, dass ich komische Dinge sehe. Brücken. Und da am Horizont: Eine Stadt, die allerdings nicht existierte, genau so wenig wie die Brücken. Eigenartiger Weise haben die meisten Läufer nachts Visionen, Halluzinationen und merkwürdige Erscheinungen. Ich spüre den Ayers Rock mehr und mehr. Jakob meint, er sei wie ein Magnet. Ich finde das auch und bin mir sicher, dass das niemand erlebt, der da mit dem Auto hinfährt. Das, was mit uns in dieser Nacht passiert, ist eine Art Initiation. Wir spüren den Geist, der hier lebt. Ich verstehe was die Eingeborenen antreibt. Er zeigt sich uns in verschiedensten Gestalten und jedem anders. Wir dürfen ihn spüren. Denn wir gehören jetzt dazu. Und das ist das größte Geschenk, das dieses Land einem machen kann. Wir werden zu einem Teil des Landes.

Der Himmel ist trotz Dunkelheit so riesig und klar, dass es aussieht, als würden die Sterne vor und zwischen den riesigen Wolken schweben. Sie sind wie zum Greifen nah und funkeln, wie ich noch nie Sterne hab funkeln sehen. Im Laufe der Nacht schwebt der Vollmond direkt über unsere Köpfe und auch genau über der Strasse entlang und bleibt dann vor uns am Horizont stehen, als die Sonne hinter uns aufgeht. Und genau jetzt sind wir da. Die Morgensonne beleuchtet den Ayers Rock zu unserer Linken und auch die letzten unendlichen drei Kilometer sind jetzt vorbei. Geschafft. Allerdings bin ich so fertig, dass ich mich gar nicht so richtig freuen kann. Ich will etwas essen und schlafen. Mehr gerade nicht. Ich fühle mich melancholisch-dumpf und irgendwie überfordert damit, dass es jetzt zu Ende ist. Ich fürchte mich ein bisschen vor der anderen Welt, in die ich jetzt zurückkehren muss. Ich verschwinde eine oder zwei Stunden in einem Zelt.

Als ich wieder aufwache und die anderen sehe, ist sie dann da. Die Freude dieses Rennen gefinisht zu haben. Und ich freue mich mit allen anderen zusammen und für alle anderen und beklatsche und bejubele die Läufer, die im Laufe des Vormittags noch ankommen. Youssuf, ein herzensguter Freund aus Kuwait kommt wegen seiner Verletzung als letzter an. Er wir von dem Sieger Christoph Le Saux abgeholt und läuft gemeinsam mit ihm ins Ziel ein. Fast alle weinen und liegen sich in den Armen. Und für alle ist eine unglaublich intensive Zeit jetzt vorbei. Zumindest äußerlich. Niemand von uns wird diese Zeit jemals vergessen. Es ist so gut Ziele zu erreichen, zu denen man sich mit viel Schweiß, Blut und Tränen gekämpft hat. Es hat sich gelohnt! Ich bin gewachsen.

5 Reaktionen zu „Schweiß, Blut und Tränen II“

  1. König

    eine sehr bewegende eindrucksvolle Schilderung

  2. ultraistgut

    Lieber Hauke, toller Bericht, toller Kampf, herzlichen Glückwunsch zu dem Bestehen eines neuen Abenteuers.

    Das Gefühl, Ziele zu erreichen, wie du schreibst, zu denen man sich mit viel Schweiß Blut und Tränen gekämpft hat, ist einmalig, das kann dir keiner nehmen, das macht stolz, glücklich und zufrieden.

    Bin stolz auf dich ! 8)

  3. Ulrike

    Wow, Hauke. Ein sehr eindrucksvoller Bericht. Vielen Dank für den Einblick in Deine Erlebnisse. Die Anstrengungen und die Intensität sind wirklich rüber gekommen. Dennoch sind sie für mich jenseits jeglicher Vorstellung. Nicht nur eine ganz andere Liga sondern eine komplett andere Welt.

    Ulrike

  4. Hauke

    Danke, wir sehen uns.

  5. Ulrike

    Ja, am Schüberg, ganz real in dieser Welt.

    Ulrike

Einen Kommentar schreiben

http://www.frubiasesport.de – letzte Aktualisierung: