Der frubiase® SPORT blog

22. September 2011
von Hauke König

running TRANSGERMANY Teil 1 – Die erste Woche

Nach unendlich viel Herumplanerei,  Ängsten, Hoffnungen und Ungewissheiten mache ich mich auf den Weg nach Köln, um Susanne Alexi dort abzuholen. Susanne wird mich vier Wochen lang betreuen, während ich einmal quer durch Deutschland laufe. Wenn alles gut geht. Wir erreichen am frühen Montagmorgen den Parkplatz am Königsee bei Berchtesgaden. Es ist kalt, regnerisch und ungemütlich und so ziemlich das genaue Gegenteil des Wetters, das ich mir für mein Laufprojekt wünsche. Wie immer will ich blauen Himmel und 28°C. Auch nachts.

Für heute sieht unser Plan vor, gemeinsam mit Jana und Juliane von LHLK aus München das Wohnmobil mit Sponsoren-Aufklebern zu verschönern, dann ein paar Pressefotos zu machen und anschließend eine Runde um den Königsee zu laufen. Weil die Sache mit den Aufklebern und den Bildern bis zum frühen Nachmittag dauert und es unentwegt regnet, beschließen wir, uns den Lauf um den Königsee zu sparen und ich konzentriere mich voll auf meinen morgigen Start in Berchtesgaden. 27 Tage laufen. Jeden Tag 60 Kilometer im Schnitt. Jetzt bin ich hier in Bayern und jetzt komme ich aus dem Ding nicht mehr raus. Oh shit! Da hilft nur die Flucht nach vorne. Hoffentlich. Bestimmt! Für Zweifel ist jetzt eh nicht mehr die richtige Zeit. Und ich kann jetzt ja auch mal beweisen, zu was ich fähig bin, wenn ich fest an den Erfolg des Projektes glaube. Hilft aber alles nichts.

Die Ängste und Zweifel begleiten mich bis kurz vor dem Start vor der Bahnhofsapotheke in Berchtesgaden. Ein Pressefotograf erklärt mir in der hier üblichen Landessprache den Weg, den ich über Ruhpolding nach Siegsdorf nehmen könnte. Ich verstehe nicht einmal die Hälfte und bitte ihn mir das mal aufzuschreiben. Das tut er auch. Leider steht seine Handschrift allerdings seinem sprachlichen Akzent in nichts nach. Ich kann es nicht entziffern und halte mich beim Loslaufen einfach an die Bruchstücke, die ich glaube verstanden zu haben. Der Start ist unspektakulär. Ich bin total nervös und will einfach nur loslaufen. Das tue ich dann auch. Zwar schon nach kurzer Zeit in die falsche Richtung, aber ich schlawiener mich trotzdem irgendwie durch. Das Wetter ist seit heute der Hammer. So und nicht anders soll es bitte bleiben. Ich finde einige sehr schöne Trails und beende die Etappe nach etwas über 50 Kilometern in der Nähe von Inzell. Ich darf in der ersten Woche auf keinen Fall zu viele Tageskilometer machen, um meinen Körper möglichst langsam an die täglichen Strecken zu gewöhnen und das Verletzungsrisiko zu mindern. Was ich heute und in den darauf folgenden Tagen von der Gegend sehe, verschlägt mir teilweise echt den Atem. Klare Bäche und Seen mit Fischen und natürlich Berge und Wälder bei Kaiserwetter. Bayern geizt wirklich nicht mit Reizen.

Zu Beginn der Tour haben wir allerdings diverse Technikprobleme. Das Internet funktioniert nur selten und ich schaffe es anfangs nicht den GPS-Tracker, mit dem ich meine gesamte Tour aufzeichne, mit der Uhr zu verbinden. Laufen ist eben meine Kernkompetenz ;-) Hinzu kommt, dass ich zwischenzeitlich Susanne nicht erreichen kann, weil die Berge das Mobilfunknetz stören. Aber wir können irgendwann doch noch alle Technik-Probleme lösen und der Polar GPS-Tracker funktioniert perfekt. Bis auf eins: Es fehlt hier an Radwegen. Die Trails, die ich sehe sind Rundwanderwege und helfen mir nicht beim Versuch von A nach B zu kommen. Und so bleibt mir manchmal nur auf einer Land oder Bundesstraßen auf der linken Seite in den Gegenverkehr zu laufen. Da ist bei kurvenreichen Strecken und der oft sehr sportlichen Fahrweise mancher ein gefährliches Unterfangen und nervt. Ständig versuchen Blickkontakt herzustellen und prüfen, ob ich gesehen werde, oder mich mit einem Hechtsprung in die Büsche retten muss. Gleichzeitig aufpassen, dass ich nicht vom Fahrbahnbelag in die Grasnarbe abrutsche und umknicke.  Das mit den Rundwanderwegen könnte natürlich auch eine Erklärung für die teilweise starke Heimatverbundenheit der Bayern sein: Wenn die sich auf ihren Rundwanderwegen aufmachen, kommen sie ja meist da wieder raus, wo sie gestartet sind. Alle Wege führen hier also wieder nach Hause. So kommt es mir zumindest vor. Wenn du gleiches in Friesland versuchst, landest du im Meer, oder in der Fremde.

Irgendwann bin ich auf dem Weg von Rosenheim nach München und ich bin erstaunt, dass es noch relativ kurz vor der Metropole (ich meine München) winzige, wunderschöne, schnuckelige, bäuerlich geprägte Dörfer in welliger Landschaft gibt, in denen nur wenige Städter ihren Traum vom Landleben in Stadtnähe verwirklicht haben. Mir selbst würde es hier echt gut gefallen. Und auch der Weg am Fluss Mangfall war sehr schön. Kurz hinter Rosenheim wäre ich nämlich beinahe wieder auf einer Bundesstraße gelandet und habe zum Glück in letzter Sekunde eine Mountainbikerin nach einer Alternativstrecke gefragt. Die zeigte mir den Radweg am Fluss, der nur etwa 200 Meter von der Bundesstraße entfernt lag. Fliegenfischen ist hier anscheinend sehr angesagt. Sieht auch gut aus und vermittelt mir irgendwie Ruhe und Naturverbundenheit. Danach dann durch Wälder und über kleine Wirtschaftswege nach München. Es ist heiß und ich verlaufe mich in einem Wald. Finde das aber irgendwie total gut, weil ich ahne, die Richtung nicht völlig verloren zu haben und den Schatten und den Geruch des Waldes total genieße. Leider schaffe ich es aus Zeitgründen nicht mehr bis in die Münchner City zu laufen, weil uns zwei Radiosender zum Interview erwarten und es noch ein Telefoninterview mit einer Zeitung geben soll. Also sammelt mich Susanne am südlichen Stadtrand nach 58 Tages-Kilometern ein und fährt mit mir zu den Radiosendern.

Der Chiemsee ist der Wahnsinn! Bei Temperaturen von um die 30°C und Alpenpanorama laufe ich von München aus kommend erst durch Wälder und Felder und dann später den Chiemseeradweg entlang und als ich Susanne treffe, springen wir beide in den See. Herrlich! Weniger witzig ist die dann folgende Strecke nach Landsberg. Ich komme einfach nicht in den Flow. Etwa zehn Kilometer vor Landsberg gerate ich dann erst in ein Sommergewitter und im Anschluss daran in einen heftigen Hagelschauer. Ich muss mich hinter einer Scheune auf freiem Feld vor dem Hagel in Sicherheit bringen. Als alles wieder vorbei ist kann ich plötzlich wieder richtig laufen. Die Luft ist gereinigt und irgendwie hat sich in mir auch alles wieder zum Guten gewendet. Ich kam super gelaunt in Landsberg an. Das setzt sich auch bei der Etappe nach Memmingen fort. Entlang der Iller komme ich trotz der Hitze sehr gut voran. In Ulm besichtigen wir natürlich das Münster und ich zünde zwei Kerzen an. Schaden kann das ja nicht. Besonders nicht im Hinblick auf den sich ankündigen Shin-Splint am rechten Schienbein. Ich kenne diesen Schmerz sehr gut und beginne zu ahnen, was jetzt und in den folgenden Tagen auf mich zukommt. Es sind noch rund 1200 Kilometer, die ich laufen werde. Ob mit oder ohne Schienbeinkantensyndrom. Lieber ohne, aber egal was kommt….aufhören zu laufen werde ich auf Sylt. Das fühlt sich jetzt beim Schreiben zwar unglaublich tough an, ist aber während des Laufs Futter für Verzweiflung. Ich verbanne sie. Und zwar in die hinterletzte Ecke meines Autos hinter den Abwassertank. So komm ich notfalls noch ran, aber sie ist quasi aus den Augen, aus dem Sinn. Die Etappe nach Esslingen entlang des Flusses Filz ist am heißesten Tag des Jahres alles andere als schön. Der Radweg verlässt oft die Flussnähe und führte dann im Zickzack durch Wohnviertel und Gewerbegebiete. Der Shin-Splint nervt beim Laufen und tut beim Gehen höllisch weh. Dadurch, dass ich ständig die Flussseite wechseln musste gelingt es Susanne oft nicht an mich heranzukommen und mich mit ausreichend mit Wasser zu versorgen, was bei Temperaturen um 36°C fatal ist. Ich lege mich einmal für 2-3 Minuten in den Fluss, um so meine Körpertemperatur etwas nach unten zu korrigieren, nachdem ich eine gefühlte Ewigkeit  ohne Wasser unterwegs war. In Esslingen angekommen bin ich dehydriert und nervlich am Ende und mein Shin-Splint hat sich verschlimmert. Susanne hat aber bereits einen Physiotherapietermin für mich verabredet. Die Jungs, die mich dort behandeln strotzen vor Kompetenz. Kein Wunder, denn der eine ist Physiotherapeut für die deutsche Judo-Nationalmanschaft, der andere für das deutsche Radnationalteam. Die Behandlung schmerzt, hilft aber. Allerdings sagen die beiden mir auch eine Erstverschlimmerung meines Beinzustandes für morgen voraus. Ich bekomme noch einen Kinesiotapeverband in blau und verlasse wieder gut gelaunt die Praxis. Morgen geht´s durch Stuttgart nach Heilbronn. Wahrscheinlich…

 

5 Reaktionen zu „running TRANSGERMANY Teil 1 – Die erste Woche“

  1. Susanne

    Super Bericht, spannend zu lesen!

  2. Roni

    Es macht einen großen Eindruck! Grüsse

  3. Lars

    Hauke, das ist ganz großer Sport! Wirklich meine allerhöchste Anerkennung!

    Viele Grüße, Lars

  4. Christina Brauer-Holihan

    Lieber Hauke
    Hut ab
    bin in Gedanken mitgelaufen und fand es ganz spannend dich ueberall in der Internet finden zu koennen.
    Wann kommt Teil 2, 3 usw.
    Kann es kaum abwarten!
    Bis irgendwass einmal
    Tina aka Christina Brauer-Holihan

  5. Fran

    Wow, da hast Du Dir ja richtig Mühe gegeben – mit dem Blogbeitrag. Danke für den ausführlichen Bericht, wirklich spannend!

    Respekt.

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