Der frubiase® SPORT blog

14. Oktober 2011
von Hauke König

running TRANSGERMANY Teil 3 – Boppard-Neuwied

Susanne hat schon wieder einen Campingplatz gefunden. In Boppard am Rhein und der wird allen Ansprüchen gerecht. Die Vielers schlagen ihr Lager neben unserem auf in einem Zelt, das sich sozusagen von selbst aufbaut. So in etwa zwei Sekunden. Die Matratze, die sie mitgebracht haben benötigt allerdings etwas mehr Zeit und Körpereinsatz. Ganz im Gegensatz zu der Liege, die Julia mitgebracht hat. Diese „on dement“ Sportmassageliege in Naturholz, (ich hoffe mal) Ökobaumwolle (hoffe ich auch) ist schnell aufgebaut und genau so schnell liege ich nix ahnend drauf. Sie ist Sportmasseurin und nimmt sich einfach mal mich vor. Es tut sehr weh. Aber ich begreife langsam, dass alle, die an mir herum arbeiten das auf die gleiche Art und Weise tun. Ich verstehe das physiotherapeutische Vorgehen und ergebe mich meinem Schicksal. Frauen bekommen ja auch schließlich Kinder. Wenn auch nicht mehrmals wöchentlich. Aber das was Julia mir erklärt, während sie mich ähhh…, massiert macht Sinn. Und ich vertraue ihr.  Auch wenn es sehr weh tut.

 

Als ich am nächsten Morgen das Wohnmobil verlasse: Die gleiche Situation. Ich auf Liege, Julia an Bein.  Aua. Ich laufe bis zum Mittag mit Julias Mann Jens und dem Physiotherapeuten Thomas. Ich starte mit Jens Vieler direkt am Rhein. Als wir das erste Mal Susanne und Julia Vieler zwecks Verpflegung wieder treffen, warten da auch schon Birger und Thomas Strohmeier. Birger verabschiedet sich hier (vorerst) von uns. Er hat mich von Heilbronn bis hierher durch alle möglichen Befindlichkeiten und Gegenden begleitet und es war eine total gute Zeit mit ihm. Birger, ich danke dir vielmals. Du bist der Hammer!

 

Die Strecke entlang des Rheins ist schön und eine Burg reiht sich an die nächste. Jedoch ist die Temperatur von über 30°C in den vorherigen Tagen auf nunmehr 17-19°C gefallen. Außerdem ist es bewölkt. Vorher fand ich das Wetter besser. Beim nächsten Verpflegungsstopp hat Julia ihre Massageliege schon neben dem Wohnmobil aufgebaut und massiert erst mich und dann Thomas. Es ist schon echt irre, wie gut Julias Massagen funktionieren. Es ist immer wie ein Reset meiner Verletzung. Alles zurück auf Anfang. Wir laufen durch Koblenz. Und wenn man durch am Rhein entlang nach Koblenz läuft, kommt man ums „Deutsche Eck“ nicht herum. Kommt man natürlich schon, aber wir hatten Lust uns das mal anzuschauen. Hier ist es extrem voll von Touristen. Eine ältere Dame spricht mich hier an: „Hallo, sind sie nicht der junge Mann, den wir vor einigen Tagen auf der Landstraße bei Ingelheim getroffen haben?“ Eine Sekunde muss ich überlegen und dann fällt es mir wieder ein. Ich war mit Birger unterwegs auf einer kleinen Landstraße als ein Wagen neben uns hielt. Die Fahrerin, eine ältere Lady, fragte mich ob alles in Ordnung sei mit meinem Fahrrad und ob sie mich mitnehmen solle. Sie denkt, dass mein Fahrrad kaputt sei, weil Birger mit seinem Fahrrad unterwegs ist und ich zu Fuß. Ist das nicht allerliebst? Und nun treffe ich diese Dame in mitten von Touristenströmen auf dem Weg zum Zusammenfluss von Mosel und Rhein wieder. Ich freue mich total über diese wirklich schöne Begegnung. Wir wechseln noch 2-3 Sätze und dann trennen sich unsere Wege.

 

Zum Deutschen Eck zu kommen gestaltet sich aber schwieriger als vermutet. Der Grund dafür ist, dass die Bundesgartenschau gerade hier stattfindet und wir Wochenende haben. Endlich angekommen, sehen wir am Fuße des riesigen steinernen Monuments ein paar als Vorkriegssoldaten oder Polizisten verkleidete Vollspacken. Führen die da was auf? Egal, wir klettern auf jeden Fall erst mal auf das ähh…Ding und setzen uns oberhalb der „Freilichtbühne“ verbotener Weise auf die Steine und betrachten das komische Treiben unter uns und natürlich auch die Landschaft um uns herum. Dann geht es weiter. Schon kurz nach Koblenz kommen wir nach nur 44 Kilometern zu unserem heutigen Etappenziel Neuwied. 44 Kilometer? Diese Etappe ist zu kurz! Wir überlegen nicht lange, laufen weiter und beenden den Tag nach 61 Kilometern in Bad Breisig an der Fähre. Julia und Susanne besorgen etwas zu Essen für uns aus einem Restaurant und ich bekomme dann nochmals eine Massage. Bei Sonnenuntergang verabschieden sich die Vielers. Sie wollen aber, wenn möglich noch einmal zu uns kommen. Irgendwann in den nächsten Tagen. Hoffentlich…

 

Am nächsten Morgen hat meine Laune einen Tiefpunkt erreicht. Mein Bein schmerzt immer noch. Sogar im Sitzen. Und mir wird klar, dass sich das bis zum Ziel nicht mehr ändern wird. Also noch rund 850 Kilometer mir hämmernden Schmerzen im Schienbein laufen. Ich denke keine Sekunde ans Aufgeben, aber das ist es, was mich so ärgert. Mir ist klar, dass ich das hier durchziehe. Aber noch so lange mit Schmerzen laufen bringt mich gerade zur Verzweiflung. Ich könnte kotzen!

 

Wir setzen mit der Fähre über und ich laufe los. Und……..Achtung, jetzt kommt´s!………..ich bin schmerzfrei!!! Nix tut mehr weh beim Laufen. Ich bemerke das aber erst nach einigen Kilometern, weil ich mich die ersten Kilometer noch so unglaublich über den Zustand meines Beines ärgere, dass ich überhaupt nicht bemerke, dass der Schmerz nicht mehr vorhanden ist. Und nicht nur das. Auch mein Tempo verändert sich. Ich werde schneller, ohne mich mehr anzustrengen. Ist ja eigentlich auch logisch nach den Trainingseinheiten und dem verletzungsbedingten gaaanz vorsichtig Laufen. Der Knoten ist geplatzt. Die Verletzung scheint überwunden. Ich kann mein Glück kaum fassen. Endlich wieder laufen. Ganz normal laufen. So hatte ich mir das vorgestellt. Ich laufe nach Troisdorf, südöstlich von Köln. Hier wohnt Susannes Mutter und ich darf dort baden, essen und vor dem Haus im Wohnmobil übernachten. Auf dem Weg dorthin biege ich rechts vom Rhein ab und laufe kurz durch ein Naturschutzgebiet und stehe dann vor einem Fluss. Es ist die Sieg, glaube ich. Ich muss auf die andere Seite und sehe einen sehr alten Herren, der friedlich auf einer Bank sitzt und auf den Fluss schaut. Ich setze mich in gebotenem Abstand dazu und frage höflich, ob er mir sagen kann wie und wo ich rüberkommen kann. Er sagt mir dass es einen Fährmann gibt. Direkt gegenüber bei dem Ausflugslokal. Ich sollte mal laut rufen, dann würde der mich abholen und rüberbringen. Ich habe eigentlich keine Lust jetzt weiter zu laufen. Es ist so unglaublich friedlich hier. Der Mann neben mir und die Landschaft mit den vielen Bäumen und dem Fluss strahlen so unglaublich viel Ruhe aus. Ich muss natürlich sofort an Siddharta von Hesse denken. Ich bleibe sitzen und genieße den Moment solange ich glaube nicht zu stören. Dann sehe ich auf dem gegenüberliegenden Ufer jemand, der ein Fährmann sein könnte. Ein sehr alter Fährmann. Ich rufe und winke und er gibt mir zu verstehen, dass er sich auf den Weg macht. Er steigt in ein Vehikel das mit bunten Wimpeln geschmückt ist und fährt von einer Stahltrosse gehalten zu mir rüber. Die Überfahrt hätte von mir aus Stunden dauern können. Aber nach vielleicht 40-50 Sekunden ist der Spaß vorbei. Ich bin nun so gut wie in Troisdorf und überlaufe hier mit Jana telefonierend die 800-Kilometermarke. Ich habe die Hälfte der Strecke geschafft. Allerdings ist mir klar, dass die zweite Hälfte fast doppelt so lang werden kann.

 

Susannes Kinder kommen Susanne bei ihrer Mutter besuchen. Susanne hat sie seit nunmehr zwei Wochen nicht mehr gesehen und schläft bei ihnen im Haus. Am nächsten Morgen begleitet mich Susannes Mutter mit dem Fahrrad aus Troisdorf hinaus bis zu einem Wirtschaftsweg, den entlang ich bis nach Köln komme. Kurz vor Köln holt mich Susanne ein und lässt den Wagen stehen, um mit mir zusammen bis zum Dom zu laufen. Hier treffen wir auf einen RTL-Redakteur mit Kamera und auf eine Volontärin einer Kölner Onlinezeitung. Dann mache ich mich auf den Weg in Richtung Leverkusen. Ich bin schnell und laufe wie der Wind, als mein Telefon klingelt und mir gesagt wird, ich solle doch bitte da wo ich bin warten. Ein Reporter des Domradios möchte ein Interview mit mir. Er war schon am Dom, hat mich dort allerdings verpasst. Er sei gleich da. Ich warte eine dreiviertel Stunde dann kommt er endlich zum Treffpunkt. Nach dem Interview geht es schnell weiter nach Leverkusen. Oh Leverkusen, du Perle Deutschlands…hust, hust. Ich renne im Affenzahn in die City. Dort treffe ich in einem Einkaufszentrum auf Susanne und einen Mitarbeiter von Radio Leverkusen. Sehr angenehm. Dann sind noch ein Fotograf und ein Redakteur der Rheinischen Post an der Reihe. Und endlich bekomme ich DIE Frage gestellt, die schon immer mal beantworten wollte. „Was hast du eigentlich auf deinem MP3-Player?“

 

Wir haben durch die Warterei und die Interviews sehr viel Zeit verloren und so fahre ich im Wohnmobil mit Susanne zu Birger, der in einer Zeitungsredaktion auf mich wartet und mit dem ich über die sogenannte „Korkenziehertrasse“, einer ehemaligen Bahnlinie nach Wuppertal laufe.  Ich freue mich sehr ihn wieder zu sehen. Er ist mir mittlerweile total vertraut. Total gut. Dann fahren wir mir Birgers Auto zu Birger nach Hause, wo ich dusche und wir mit Susanne lecker Essen kochen. In Wuppertal treffen wir am nächsten Morgen nach einigem Hin- und Her auf Luigi Albergo.

 

Es ist sehr kalt, verspricht aber ein schöner Altweibersommertag zu werden. Luigi und ich laufen durch das Bergische Land. Der Nebel löst sich auf und gibt den blauen Himmel frei. Durch Täler, Wälder und über Hügel geht es Richtung Ruhr. Von dort aus immer der Ruhr entlang zum Hengsteysee, wo die „Eliteboys“ schon warten, um Luigi und mich über den Hohensygburg nach Dortmund zu begleiten. Es sind Max Manroth, der wegen einer Verletzung mit dem Fahrrad fährt, Michele Ufer, Philip Mes und Jens Vieler, der natürlich mit Julia angereist ist. Das sind Typen! Typen, mit denen ich auch viele Tage unterwegs sein könnte, ohne dass es jemals an Gesprächsstoff mangelt. Und die Strecke, die sie für uns ausbaldowert haben geht durch hügelige Wälder direkt bis zum Dortmunder Stadion „Rote Erde“. Hier gibt es ein Interview und eine kleine, aber lustig-alberne Fotosession mit den Jungs. Ich hatte mir die Strecke Wuppertal-Dortmund völlig anders vorgestellt. Alte, verfallene Industrieanlagen, alte Mehrfamilienhäuser mit verdreckter Fassade. So ungefähr. Das genaue Gegenteil war der Fall. Vom Stadion aus laufen wir gemeinsam über renaturierte ehemalige Stahlwerkgebiete zu Max nach Hause. Dort bestellen wir Pizza für alle und das erste Mal während wir unterwegs sind habe ich richtig Hunger. Ich esse eine komplette Pizza. In den vielen Tage seit Berchtesgaden habe ich mir täglich zwischen 1000 und 1500 Kcal zugeführt und mich gewundert weshalb ich keinen Hunger habe. Jetzt ist wieder alles gut. Die Stimmung ist echt partymäßig und Julia hat ihre Massageliege im Wohnzimmer aufgebaut, wo sie sich meine Beine noch mal vorknöpft. Michele und Max raten mir dringend am nächsten Tag nicht von Dortmund nach Bergkamen zu laufen, sondern heute nach Bergkamen zu fahren und morgen von dort aus zu starten. Das tun Susanne und ich dann auch. So geht ein für mich unglaublich schöner Tag zu ende. Danke, dass ihr da wart!

 

Genau wie Leverkusen ist auch Bergkamen eine sehr, sehr schöne Stadt…

 

…aber irgendwie bin ich auch froh sie verlassen zu können. Ich bin sehr müde heute auf dem Weg nach Gütersloh. Die Strecke ist unspektakulär. In Gütersloh sind wir mit Birgit Schmidt-Boese verabredet, die mit mir und Jens Vieler nach Porta Westfalica laufen möchte. Birgit ist Triathletin und hat gerade in Frankfurt ihre erst Ironmandistanz gefinisht. Allerdings ist sie noch nie eine Strecke von über 42 Kilometern gelaufen. Na mal sehen.

 

Wir laufen zunächst bei bestem Wetter nach Bielefeld und von dort aus über Bundesstraßen durch Herford und über Bad Oeynhausen bis nach Porta Westfalica. Birgit ist unglaublich hart im Nehmen und zieht die Strecke total tough durch. Sie ist es, die nach jeder Gehpause das Zepter in die Hand nimmt und losläuft. „Oh man, sie läuft schon wieder.“  War der an diesem Tag meist benutzte Satz von Jens und mir. Eigentlich wollte Birgit nach 40-42 Kilometern aufs Fahrrad wechseln, entschließt sich dann aber weiter zu laufen.  Schließlich kommen wir in Porta an. Hier warten Susanne und Julia an einem superschönen Platz direkt an der Weser auf uns. Es ist warm und Birgit ist heute 70,5 Kilometer  mit uns gelaufen und (glaube ich) ziemlich happy. Liebe Birgit: Glückwunsch noch mal zu dieser klasse Leistung! Julia massiert mich noch neben dem Wohnmobil und wir werden dabei interessiert von einem ehemaligen amerikanischen Leichtathlet beobachtet, der sofort sagt: „Oh, Shin Splint!“, als er die Art von Julias Massage sieht. Ab hier beginnt für mich Norddeutschland. Ab morgen bräuchte ich keine Karte, iPhone, oder sonstiges mehr. Ab hier kenne ich die Strecken. Ich bin fast Zuhause.

 

 

5 Reaktionen zu „running TRANSGERMANY Teil 3 – Boppard-Neuwied“

  1. Susanne

    Hihi, hier beginnen die Erinnerungslücken… da war der Läufer schon abgedriftet in andere Welten:-). Soll ich alles im Detail korrigieren;-)? Persönlich finde ich es natürlich besonders suspekt, dass du mich offenbar im Troisdorf nachts nicht im Wohnmobil bemerkt hast- wo ich natürlich wie jede Nacht schlief. Nicht bei meinen kids- die sah ich nur abends und morgens:D. Was allerdings klar wird und ich zu hundert Prozent unterschreiben würde: Als deine Verletzung einmal auskuriert war- vor allem Dank Julias intensiven, hochfrequenten Einsatzes!- war der Laufflow voll wieder da! Dass diese Rechnung aufging, war wirklich eine Riesenerleichterung und wenn jemals Zweifel am Finish bestanden haben sollten, waren sie zu diesem Zeitpunkt jedenfalls wie weggeblasen:).
    Noch für die Leser: Sucht bitte keinen schönen Campingplatz in Boppard. Er war in St. Goar, Loreleyblick:).

  2. ultraistgut

    Ach ja, dass du auch anscheinend verwirrt warst und deine treue Begleiterin nachts, wo sie immer schlief, nicht mehr in Erinnerung hast, wer mag es dir verdenken, die schmerzhaften Dinge bleiben eher im Gedächtnis als die guten.

    Toll, dass du plötzlich wie im Traum von deinem Übel erlöst warst,der liebe Gott hatte ein Einsehen und wollte dir Gutes für deine Anstrengungen.

    Schönes Team – ihr beide – würdet ihr es nochmal tun :?:

  3. Susanne

    Ich-ja.

  4. Hauke

    Ja!

  5. silke wirth

    Die B:schmidt böse ist wirklich eine besondere Läuferin. Das weiß ich aus Erfahrung.

    Gruß s.

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