Der frubiase® SPORT blog

26. Oktober 2011
von Hauke König

running Transgermany Teil 4 – Norddeutschland

Am nächsten Morgen geht es von Porta aus in Richtung Minden. Es ist sonnig und verspricht wieder einmal ein schöner Tag zu werden. Es ist mittlerweile der soundsovielte Tag, den ich laufe. Vielleicht auch mehr. Heute ist auf jeden Fall ein besonderer Tag, denn heute verlässt mich Susanne um nach Köln zu fahren und dort ein laufbetreuerisches Versprechen beim Kölnpfadlauf einzulösen. An ihre Stelle treten meine Mutter und mein Sohn Jan. Jan hatte bereits vor zwei Jahren das Versorgungsfahrzeug gefahren, als ich nonstop 300 Kilometer die Weser entlang gelaufen bin. Damals ist er in Minden dazu gestoßen und hat mich bis ins Ziel nach Bremen begleitet. Auf genau dieser Strecke begleitet er mich nun noch einmal. Allerdings unter anderen Voraussetzungen. Ich habe nicht vor jetzt nonstop bis nach Bremen durchzuziehen. Ich werde heute nach Nienburg eumeln und dort suchen wir uns einen lauschigen Platz zum Übernachten. Finden wir auch. Es ist ein Campingplatz mit Dauercampern, Buchsbaumhecken, Gartenzwergen und Rasen, den die Betreiber ganz bestimmt heimlich nachts von einem Golfplatz in Florida mitgenommen haben. Es ist schrecklich spießig und furchtbar clean. Das hat aber auch Vorteile. In den Waschräumen kann man vom Boden essen. Garantiert keimfrei ist das alles. Aber im Gegensatz zu so manch anderem Campingetablissement in dem wir eine Nacht verbrachten, musste ich mich hier nicht ekeln. Naja, oder anders ekeln, halt. Und nach dem Bewohnen von Punk-Rock WG´s und besetzten Häusern bin ich was Hygienestandarts angeht hart im nehmen, das könnt ihr mir glauben.

Nächster Morgen. Nienburg und sehr schöner Sonnenaufgang. Ich habe es tatsächlich mal geschafft vor der Sonne aufzustehen. Alleine das gibt mir Schwung für den Tag und ich renne Verden entgegen. Da bin ich nicht nur geboren, aufgewachsen und sozialisiert, sondern da treffe ich auch auf meine Tochter. Drei Wochen habe ich sie nicht mehr gesehen und ich fliege ihr entgegen. Und tatsächlich wartet da in Verden ein ganzer Schwung von Freunden und Verwandten auf mich. Wir machen etwa zwei Stunden Pause, in denen ich mich intensiv mit meiner Tochter beschäftige. Dann heißt es wieder Abschied nehmen. Aber diesmal nur für ein paar Tage. Zum Glück! Ich laufe weiter die Weser entlang nach Achim (so heißt die Stadt). Dort angekommen, warten nicht nur Jan und meine Mutter, sondern auch die aus dem Rheinland wiedergekehrte Susanne auf mich. Susanne begleitet mich bis nach Bremen und wir tauschen die Neuigkeiten aus. Allerdings muss ich oft Gehpausen einschieben, weil ich von Nienburg bis Achim in einem Affenzahn unterwegs war. Das tut mir für Susanne leid, die echt Bock auf Laufen hat. Sorry. In Bremen verabschieden sich Jan und meine Mutter wieder von uns. Die haben das erstklassig gemacht und ich möchte mich an dieser Stelle noch mal ganz, ganz herzlich bei ihnen bedanken.

Susanne und ich fahren erst mal ins Viertel. Das ist ein Ortsteil von Bremen, wo man gut mal ein Rollo essen kann. Rollo ist kein Ortsteil von Bremen. Danach geht es zum morgigen Startplatz, einer Straße in Richtung Rotenburg/Wümme. Wir finden einen Parkplatz unweit der Straße und umgeben von großen Eichen. Von hier laufe ich am nächsten Morgen total unspektakulär auf einem Radweg neben einer Kreistrasse an Wäldern und Feldern vorbei nach Rotenburg. Dort am Weichelsee angekommen, hatte ich etwas über 36 Kilometern auf dem Tacho. Geht ja eigentlich gaaar nicht, aber ich freue mich schon so auf die morgige Etappe und genieße einen beinahe freien Tag mit Beine hoch, Läppi an und Film gucken. Dann geht’s von Rotenburg bis kurz vor Hambuich. Yeah! Jeder andere Läufer wird diese Strecke, auf die ich mich freue, toootal doof finden. Bundesstraße. Allerdings mit Radweg und wieder durch Wälder, Wiesen und Felder. Ich freue mich so auf diesen Teil, weil ich hier schon hunderte Male mit Auto und Fahrrad lang gekachelt bin und mir jedes Mal gedacht habe: „Hier will ich mal lang laufen!“ Ich kenne die Strecke aus dem FF und fliege bis vor die Tore Hamburgs. Es ist so schön hier endlich mal zu laufen! Auch, weil ich die Strecke jetzt für mich abhaken kann ;-)

Schon wieder ein nächster Morgen. Manmanman, früh und kalt treffen wir auf einem etwas „komischen“ Wanderparkplatz mit Ausflugslokal auf gleich zwei liebe Bekannte. Bei vielen Läufern haben sie sich als Marvin Running und Herrchen einen Namen gemacht. Herrchen schreibt geniale Geschichten über das Laufen, aus der Sicht seines inneren Schweinehundes. Marvin. Die Strecke ist heftig. Hamburg-Harburg ist heftig. Zum Laufen auf jeden Fall. Und während wir durch Hafengebiete mit Schwerindustrieanlagen juckeln, unterhalten wir uns über Grenzen, Wüsten und Transzendenz. Wir trotzen unserer Laufstrecke geistig. Leider kommen wir heute nicht durch den alten Elbtunnel, weil sich da gerade Schlippsträger drinnen aufhalten, um deren letzten Ausbruch aus Niedersachsen zu feiern, oder sowas. Der ist nun etwa 200 Jahre her und so sehen die da drin auch aus. Wie auch immer. Wir dürfen da heute nicht mal mit Presseausweis, Sondergenehmigung und Bemühen des NDRs durch und laufen deshalb eine Schleife, bis zu einer der Hafenfähren, die sonst die Arbeiter zu den Docks von Blohm und Voss bringt. Uns bringt sie zu den Landungsbrücken. Leider verabschieden sich hier meine zwei Begleiter schon wieder und ich ziehe alleine durch die Ciddi an die Außenalster. Hier kommt Oliver Scheer, the Alsterman, zu Susanne und mir zum Frühstück. Wer sonst? Es folgen einige Interviews mit TV und Zeitungen und endlich können Oli und ich ungestört den Alsterwanderweg hochpflügen. Unser beider Revier. Wir laufen über die Strecke, die ich schon hunderte Male gelaufen bin an meinem ehemaligen Haus direkt an der Alster vorbei und treffen im Rodenbeker Quellental auf meine Schwester, Mitarbeiter und Bewohner unserer Lebens- und Arbeitsgemeinschaft. Von hier aus kommt Florian mit. Mein ehemaliger Zivi ;-) , der jetzt Auszubildender bei uns ist. Der hatte mir nämlich (unüberlegter Weise) im Vorfeld des Laufes gesagt: „Wenn du durch Duvenstedt läufst, komm ich ein Stück mit!“. Das hat er jetzt davon. Bei Regen, aber sehr schöner Strecke begeleitet er mich sechs Kilometer. Super Flo und Danke! Das war echt eine sehr coole Nummer von dir. Hätte ich echt nicht mit gerechnet. Aber was ein alter Pfadfinder ist…

Auch Oliver Scheer verabschiedet sich bald. Auch an dich vielen Dank. Naja, dann halt alleine nach Henstedt-Ulzburg. Ist aber nicht mehr weit. Es ist regnerisch und es wird immer kälter. OK, ab hier ist Schleswig Holstein. Ab hier ist Sylt echt nicht mehr weit.

Als ich am nächsten Morgen loslaufe, zeigt das Thermometer 12°C an. Und nach kurzer Zeit fängt es an zu schütten wie aus Eimern. Eimern, die mit echt kaltem Wasser gefüllt sind. Nix warmer Sommerregen. Scheißkalt und zum Verzweifeln, wenn, ja wenn ich nicht schon fast am Ziel wäre. Die 200-300 Kilometer, die jetzt noch folgen, mache ich blind, in Ketten, nackt in der Antarktis! Ich mache das hier. Ich will. Mir wird immer klarer, wie nahe ich einem Ziel bin, das bisher immer völlig abstrakt für mich war. Egal, was jetzt noch passiert; Ich schaffe das wahrscheinlich echt. Ein Gedanke übrigens, dem das Gefühl folgt alles investiert zu haben in dieses Gelingen. Alles, was ich physisch, seelisch und geistig aufgebracht habe, hat mich tatsächlich bis hierher gebracht. Es wird immer unwirklicher. Und immer sentimentaler. Ich beginne mich immer intensiver damit zu beschäftigen, was ich da „wirklich“ tue. Jetzt, wo das Laufen zu einem unanstrengendem Automatismus geworden ist. Worum geht es hier eigentlich? Geld? Anerkennung? Training? Grenzüberschreitung? Geht es um mich? Um alle, die beteiligt sind an dem Lauf? Wo bringt uns das hin? Was wir danach sein? Stille.
Schaut doch auch nächste Woche rein, wenn es wieder heißt: „Der Strand ist aber nicht zum Kopf reinstecken da, oder?“

Hauke

2 Reaktionen zu „running Transgermany Teil 4 – Norddeutschland“

  1. Jens

    …der letzte Absatz! :-)

  2. Susanne

    Jens- ging mir auch so :-) . Schöne Fotoauswahl übrigens:)

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