20. Oktober 2011
von Thomas Ehmke
Tor de Geants – der zweite Teil
Hier kommt der zweite Teil. Es ist aber nicht so dass es für jede Etappe einen Extra-Teil gibt
Denn ab der zweiten Nacht verschwimmen die Erinnerungen an ein paar Streckenteile und der Bericht dann sicher für den Leser etwas uninteressant wird ![]()
Also angekommen in der ersten Life Base entscheiden Tom Eller und Uwe Herrmann sich dafür nach kurzer Pause weiter zu machen. Ich aber esse was und suche mir ein Feldbett im Schlafzelt. Mein Entschluss das zu tun, war schon beim Lauf vor dem Gewitter ins Tal entstanden. Denn noch mal wollte ich diese Nacht nicht bei einem Gewitter auf einem Berg stehen.
Also habe ich mir dort ein Feldbett gesucht, wo der Warmluftschlauch der Zeltheizung verläuft. Ich ziehe mich etwas Trockenes an und stelle meine Schuhe und meine nasse Ausrüstung vor diesen Abluftschlauch. Schlafen kann ich leider nicht richtig, ich schätze ungefähr eine Stunde mit Unterbrechungen. Dann entscheide ich mich doch weiter zu laufen. Draußen hat es aufgehört zu regnen und zu gewittern. Aber es ist natürlich noch dunkel. Die Uhr zeigt 3 Uhr morgens als ich beginne den ersten Berg der zweiten Etappe zu erklettern. Drei Berge sind in der heutigen Etappe. Kurz vor dem letzten Berg mit einem Aufstieg von etwa 1600 Höhenmetern auf 10km Länge mache ich eine längere Pause. Dort stehen Liegestühle in der Sonne und ich entscheide mich dort schlafend auf Tom Eller zu warten, der oben auf dem Berg ist und nur noch zu mir ins Tal muss.
Als Tom unten ist, geht es nach einen kurzen Pause für weiter und wir besteigen in einer Gluthitze den letzten Berg der Etappe. Ich schleppe vorsorglich noch 1,5 Liter extra in einer Wasserflasche mit. Denn oberhalb der Baumgrenze kann die Versorgung mit Wasser zu einem Problem werden. Nach ungefähr 300 Höhenmetern beschließen Tom und ich uns zu trennen. Er muss noch eine Runde schlafen – also geht mal wieder jeder seinen Weg.
Langsam beginne ich meinen Rhythmus beim Bergaufgehen zu finden. Die Landschaft ist toll und so vergeht der Tag schnell. Kurz vor Cogne laufe ich auf Steve aus den USA auf und wir laufen gemeinsam in Cogne ein. Nach Pasta und einem Bier geht es für mich direkt aufs Feldbett. Den Wecker stelle ich auf 0:30 Uhr. Als ich kurz vor der Zeit aufwache und mich versuche zum Aufstehen zu motivieren, sehe ich, dass Eric Türlings auf dem Feldbett neben mir liegt. Ich unterhalte mich noch kurz mit ihm über seine Zeitplanung, überlege ob ich mich auch noch mal hinlege und mit ihm und Tom Eller zusammen loslaufe. Dann entscheide ich mich aber dafür mich alleine auf den Weg zu machen. Die dritte Etappe soll im Vergleich zu den anderen eine der leichteren sein.
Am Anfang ist es auch toll: leichte Trails, eine tolle Landschaft im Dunkeln und ich komme das erste Mal mit Laufen voran, bis auf eine Hochebene ohne jeglichen Windschutz. Von weitem sind schon wieder die kleinen Lichter auf dem Weg zu einem Bergpass zu erkennen, sowie, das nächste Refugio zur Verpflegung. Dort angekommen, bin ich komplett durchgefroren. Das Refugio hat selbst noch Speisen bereitgestellt und ich bekomme tolles und abwechslungsreiches Essen. Außerdem ist es so gemütlich, dass ich spontan entscheide fünfzehn Minuten auf dem Sofa zu schlafen. Danach geht es mir richtig gut und nach einem Kaffee und einer Cola ziehe ich alles an, was mich warm hält und mache mich auf den Weg zum Bergpass. Oben angekommen, beginnt es schon langsam zu dämmern. Veranschlagt sind ca. 1000Hm bergab wie fast von jedem Berg, Ich werde schon wieder schlagartig müde und das kontrollierte Vorankommen auf dem technisch schwierigen Untergrund fällt mir schwer. Also entscheide ich mich am nächsten Refugio wieder eine 15-Minuten-Schlafpause einzulegen.
Als ich danach raus komme, ist es fast hell und die Sonne kommt auch raus. Ich stolpere eine Almwiese herunter und ärgere mich darüber, dass ich hier nicht laufen kann, obwohl es ein toller Trail ist. Dann treffe ich die Entscheidung doch zu laufen und zu versuchen so lange zu laufen wie es gegenüber meinem Körper, Beinen und Sturzgefahr zu vertreten ist. Ich hole jetzt viele Läufer ein, die mich ungläubig anschauen und sich wohl denken: Was macht der für einen Quatsch? Ich aber komme gut voran und vor allem der Spaß ist wieder da.
Der nächste Verpflegungspunkt ist schnell erreicht und das Schild kündigt eine lang abfallende Strecke mit nur 600 Höhenmetern im Anstieg bis nach Donnas an. Der Ort Donnas ist ungefähr die gefühlte Hälfte der „Tor des Geants“. Diese leicht abfallende Strecke entpuppt sich als Mogelpackung und 600 Höhenmeter sind auch nicht ohne. Aber eine tolle Strecke an alten verlassenen Gebäude vorbei zu denen es sicher nie eine Fahrstrasse gegeben hat. Es geht durch Steingärten und Steinmauer, ein paar Mal kommt es mir so vor als wenn gleich Asterix und Obelix meinen Weg kreuzen würden.
Inzwischen ist es so heiß, dass ich kurz vor Donnas schneller laufe, um nicht noch mehr an den Armen und im Gesicht zu verbrennen. Ich bin dann mehr als froh, als ich Donnas endlich erreiche und im Schatten eine Pause machen kann. Die Life- Base in Donas ist bei Kilometer 148, der inoffizielle Mittelpunkt der Tour des Geants und gleichzeitig der tiefste Streckenpunkt. Ich versuche dort ein wenig Kraft zu tanken und die heiße Mittagshitze abzuwarten. Ich warte auch noch ein wenig länger, um abschätzen zu können wie viel ich vor Tom Eller und Eric Türlings liege.
Eric hat einen Zeitplan ausgearbeitet und ich warte in Donnas so lange bis er laut seinem Plan dort eintreffen müsste. Nachdem das aber nicht passiert entschließe ich mich langsam weiter zu machen. Um mich vor der Hitze und zu großem Flüssigkeitsverlust zu schützen, ziehe ich alles an Sonnenschutz an den ich dabei habe. Da ich nur noch sehr langsam voran komme, brauche ich für die nächsten zehn Kilometer mehr als fünf Stunden. Was meiner Psyche nicht gut tut und ich muss häufiger Pausen machen, um einen kurzen Moment zu verschnaufen und zu schlafen. Aber den anderen Teilnehmern um mich herum geht es nicht anders. Die Wasservorräte, die wir tragen, werden an jedem Brunnen wieder aufgefüllt und alles wird zur Kühlung genutzt was wir finden können.
Die nächsten 52km sind ein ständige bergauf und bergab. Die Berge sind nicht so hoch und so steil deshalb komme ich gut voran. Kurz vor dem Refugio Coda auf einem sehr exponierten Berggrat holt mich Uwe Herramann ein und wir machen im Refugio zusammen Pause.
Ich beschließe, mich dort eine Stunde hinzulegen da ich schon wieder sehr müde bin.
Das Schlafen funktioniert leider das erste Mal nicht, da ich durch den langen Aufstieg nass geschwitzt bin und nicht schlafen kann. Also beschließe ich stattdessen weiter zu machen.
Zu meiner Überraschung kann ich das erste Mal in diesem Rennen ohne Schmerzen und steife Beine bergab laufen. Ich bin mehr als überrascht, scheinbar hat mein Körper akzeptiert das Laufen und Bewegung jetzt dazu gehört. Ich komme sehr gut voran und laufe zusammen mit einem Franzosen durch die Nacht und auf einer technisch einfachen Strecke kommen wir gut voran. Ich rechne damit auch irgendwann durch die hohe Geschwindigkeit wieder auf Uwe Herrmann zu treffen.
Dann kommt leider schon wieder der nächste Müdigkeitseinbruch. Ich kann mich nur noch schwer konzentrieren und meine Sturzgefahr erhöht sich enorm. Ich versuche zu schlafen doch es geht nicht. Langsam bin ich so verzweifelt, dass ich zweimal versuche auf einem Stein liegend oder sitzend zu schlafen. Das alles funktioniert aber nicht. An einem Bergwacht Verpflegungspunkt ist eine Helferin die Deutsch spricht und ich kann ihr von meinem Schlafproblem und meiner mittlerweile allgegenwärtigen Angst abzustürzen erzählen.
Sie macht mir den Vorschlag in einem Container auf einem der Feldbetten eine Stunde zu schlafen. Ich müsse mich um nichts kümmern, sie kommt wecken und dann schauen wir weiter….
…to be continued.
Thomas