Es geht Schlag auf Schlag, ein Lauf folgt dem anderen. Und um alles schön nacheinander aufzuarbeiten, kommt jetzt erstmal mein angekündigter Bericht vom Schwarzwaldlauf. Ein ausführlicher Beitrag zum Elbelauf kommt dann nächste Woche – versprochen. Also:
Kalte Herberge, Notschrei, Toter Mann – das sind nicht etwa Eckpunkte eines Edgar Wallace Krimis, sondern Orte. Und die haben alle eines gemeinsam: Sie liegen auf dem Westweg. Das ist der Name eines Wanderweges von Pforzheim nach Basel, der von Nord nach Süd den Schwarzwald durchläuft.
Ich parke mein Wohnmobil in der Nähe von Müllheim, fahre mit dem Zug nach Pforzheim und beginne vom Kupferhammer, der goldenen Pforte zum Schwarzwald mein Vorhaben, den Schwarzwald in einem Rutsch zu durchqueren. Dort treffe ich auf drei Wanderer, die wie ich auch den Westweg wandern wollen. Sie haben sich allerdings 13 Tage Zeit eingeräumt. Ich drei. Plus zwei Nächte.
Die drei sind hoch motiviert und stecken mich mit ihrer guten Stimmung an. Wir tauschen die Handynummern aus und sie versprechen, mir die Fußball WM Ergebnisse per SMS mitzuteilen. Für mich ist es allerdings wichtiger zu wissen, dass da noch Leute mit mir auf dem Westweg sind, die ich in einer eventuellen Notsituation anrufen könnte. Das ist gut für den Kopf. Wir starten gleichzeitig um 11:00 Uhr am Dienstag. Sie wandern, ich laufe. Die ersten Meter beginnen steil. Es geht entlang der Enz auf einem komfortablen Wanderweg und ohne nennenswerte Steigungen.
Dann durch Neuenbürg und auch mitten durch die Burganlage in Richtung Dobel. Dort laufe ich den Schildern folgend aus dem Dorf in Richtung Wald. Nach etwa einem Kilometer sagt mir dann ein weiteres Schild, dass die Westwegroute geändert wurde und ich wieder zurücklaufen solle. Was soll das denn? Das Schild hätte man doch auch einen Kilometer vorher anbringen können. Egal.
Weiter in Richtung Forbach und langsam nähere ich mich auch den 1000m ü.n.N. Am Hohlohturm sind es 984m. Aber dann geht es auch schon wieder runter. In Forbach decke ich mich beim hiesigen Supermarkt mit Cola und Brezeln ein. Und wieder geht es bergauf.
Lange und steil. Ich wandere immer schnell bergauf und laufe, wenn es gerade oder bergab geht. Am Seekopf bin ich das erste Mal auf dem Weg über 1000m hoch. Das Wetter hat bisher hervorragend mitgespielt – sonnig, 23-26°C. Aber jetzt kommt die Nacht und ich fülle noch einmal die Trinkblase am St. Johannes Brunnen auf, mitten im Wald. Auf der Badener Höhe angelangt wird es dunkel. Dort oben herrscht in der Dämmerung ein unwirkliches Licht und ich fühle mich an Süd Frankreich erinnert. Sandiger Boden, kniehohe Büsche und Kiefern. Und es riecht nach Urlaub. Es folgt eine Passage durch ein Hochmoor. Hier soll es Auerhähne geben, aber um diese Zeit ist alles, was ich in den Lichtkegel meiner Stirnlampe bekomme, eine skurril anmutende Flora. Am Hochkopf verliert sich dann plötzlich die Wegmarkierung. Ich versuche jeden Weg, der von dem dortigen Parkplatz aus abgeht, aber Schilder finde ich nicht. Vielleicht bin ich zu müde oder vielleicht ist es einfach zu dunkel. Ich setze mich auf eine Bank und warte frierend auf den Sonnenaufgang. Der kommt aber nicht, sondern es wird einfach nur heller. Also noch mal auf Schildersuche. Nix. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als die Bundesstrasse 500 entlang zu laufen. Das ist ein abenteuerliches Unterfangen, weil es hier keine Radweg oder ähnliches gibt und sich im Morgengrauen einige Autos bereits durch lautes Reifenquietschen ankündigen und kurze Zeit später mit sehr hoher Geschwindigkeit an mir vorbeirauschen.
Am Morgen bin ich dann um 06:00 Uhr am Mummelsee. Dort gibt es ein Hotel und versuche hier an einen Kaffee zu kommen. Leider noch geschlossen. Dann treffe ich auf einen Bäcker aus dem acht Kilometer entfernten Seebach. Er bietet mir an, mich dorthin mitzunehmen. Es gäbe dort den besten Kaffe der Welt, mit Quellwasser aufgebrüht. Ich fahre mit und stelle fest: Ich muss mich festhalten. Die scheinen hier alle zu fahren wie die Henker. Und: Es geht stetig bergab. Das bedeutet, ich muss da gleich wieder hoch. Egal, für einen guten Kaffe (oder auch zwei) lohnt sich die Mühe. Von dem dortigen Kaffee würden sich einem normalerweise die Fußnägel hochklappen, aber in meinem Fall ist es tatsächlich der beste Kaffee der Welt. Obgleich ich beim Trinken immer an den Werbespot mit der Faust, die aus der Kaffeetasse kommt denken muss.
So, und nun wieder acht Kilometer und 600Hm zurück zum Westweg. Es wird immer wärmer. Und schon am Vormittag sind es über 30°C. Ich nutze jeden Brunnen zum Erfrischen und tauche Trikot und Kopf ins Wasser. Kurz vor Hausach werden die Trails fieser. Kurze felsige Anstiege, die genauso kurz und steil wieder herunterführen. Ich bin genervt von der Strecke, aber ich muss da durch. Und dann ein echt steiler und ewig langer Abstieg. Das erste und einzige Mal spüre ich hier schmerzhaft meine Knie. Wieder rauf über die Wilhelmshöhe und Neueck. Der Rucksack wird immer schwerer und die Schultern tun bei jedem Schritt weh. Hätte ich bloß weniger Zeug eingepackt.
Die Konzentration kann ich mittlerweile aus äußerst mangelhaft beschreiben. Ich laufe, wandere und versuche nicht an meine Füße oder Schultern zu denken. Ich hatte zwischenzeitig immer wieder überlegt, meine Schuhe und Socken zu wechseln. Aber erstens hatte ich keine Lust auf diesen „Wahnsinns-Aufwand“ und zweitens hatte ich Angst mir meine Füße anzuschauen. Also lieber alles so lassen. In der Nacht setze ich mich irgendwo im Wald in eine Schutzhütte und nicke kurz ein. Als ich aufwache, zittere ich am ganzen Leib und es bleibt mir nichts anderes übrig, als mich wieder warm zu laufen.
Als es wieder hell und sehr warm wird, ist Titisee schon ausgeschildert. Und weil es heute bis zu 38°C werden sollen, hoffe ich, dass der Weg direkt am See vorbeiführt und nicht 400m oberhalb verläuft. Ich habe Glück und springe mitsamt Klamotten in den See. Nach zwei Tagen ohne Dusche ist das genau das Richtige. Schuhe und Socken will ich jetzt eh wechseln, der Rest bleibt an. Ich erhoffte mir allerdings vom Titisee das, was sich eine Berglaie wie ich unter einem Bergsee halt so vorstellt: frisches, klares, kaltes Wasser. Leider war es lauwarme Brühe.
Egal, Hauptsache einmal komplett nass und wenigstens ein bisschen erfrischt. Beim Schuhwechsel stelle ich fest, dass meine Trinkblase nicht völlig dicht hält und so ist mein Paar Ersatzschuhe ebenfalls nass. Und klebrig. Na toll. Jetzt werfe ich doch noch einen Blick auf meine Füße. Uhhhh….schnell mit Pflaster versorgen, trockene Socken und klebrige Schuhe an und weiter.
Jetzt geht es auf den Feldberg. 1493m ü.n.N. Ein wunderschöner Aufstieg, der erstaunlich leicht für mich zu wandern ist. Was mir allerdings schon ab etwa 15 Kilometer vor Neustadt auffällt: Hier wandert die Welt. Die Wanderwege sind total voll mit Menschen. Fast sehnsüchtig denke ich da an die zurückliegende Strecke zurück, bei der ich kaum Menschen begegnet bin. Einmal sehe ich ein paar ältere Herrschaften an einem Wanderparkplatz aus dem Auto steigen und folgendes sagen: „Boah, hast du dir das auch gut überlegt? Wollen wir wirklich da ganz hinwandern?“ „Ja, laut Karte sind es acht Kilometer.“ „Was? Acht Kilometer? Bist du wahnsinnig?!“ Ich sag mal nix und laufe breit grinsend vorbei. Mittlerweile bin ich dazu übergegangen nur noch die geraden Streckenteile zu laufen und sowohl hoch, als auch runter zu wandern. Das liegt am Zustand meiner Füße. Auf dem Feldberggipfel sind es 26°C. und wolkenloser Himmel. Ich fotografiere und stolpere weiter über Notschrei und Wiedener Eck in Richtung Bällchen (mit 1414m die zweithöchste Berg im Schwarzwald).
Ich blicke in höheren Lagen immer wieder zurück und versuche mir klar zu machen, dass ich all diese Berge überquert habe. Aber es ist für mich nicht fassbar. Völlig surreal. Und gleichzeitig kehrt eine totale innere Stille ein. Fast schon Melancholie. Aber eben ohne Melancholie. Ich bin leer, keine Gedanken mehr an Höhenmeter, schmerzende Schultern oder Füße. Das schnelle Bergaufwandern macht mir jetzt immer weniger Schwierigkeiten. Ich habe mein Tempo und kann das problemlos durchziehen. Es ist schon wieder dunkel, als ich nach etwa 248 Km, weit über 7000 positiven Hhm und 59 Stunden auf der Strecke mein Wohnmobil in der Nähe von Müllheim (zwischen Freiburg und Basel) erreiche. Eigentlich fühle ich mich jetzt wieder ganz gut. Ich versuche mir vorzustellen, dass ich jetzt gerade wirklich den Schwarzwald durchquert habe. Aber irgendwie ist das noch nicht bei mir angekommen. Zwar fühle ich mich nicht wirklich müde, schlafe aber sofort ein.
Fazit: Ich kann nur zu sehr, sehr wenig Gepäck raten. Ersatzschuhe hätte ich zuhause lassen können und die meisten meiner Textilien ebenfalls. Der Weg ist gut beschildert und es gibt immer wieder Quellen und Brunnen am Wegesrand. Die Landschaft ist teilweise bizarr bis atemberaubend und dazwischen abwechslungsreich. Würde ich das noch einmal machen? Ein ganz klares JA! Allerdings in Etappen.
Zum Schluss noch ein Dankeschön an Tante Asics, die wieder einmal ganz tolle Sachen für mich gestrickt und gebastelt hat 
Und wie gesagt: Vom Elbelauf hört Ihr nächste Woche.