29. April 2013
von Thomas Ehmke
Nach einer mal wieder kurzen Nacht (ca. 4 Stunden), aber in einem Bett mit normaler Decke und Laken, geht es weiter. Nicht ohne ein Frühstück. Dieses fällt mal wieder sehr spartanisch aus. Langsam ist mir das auch egal. Ich mache noch schnell ein 30 Sekunden Video für Hansi und die restliche Facebook-Welt und schreibe meiner Freundin eine Guten-Morgen-Mail. Beim Drehen des Videos stelle ich fest, dass ich von Morgen zu Morgen aufgedunsener bin. Außerdem habe ich immer mehr Schwierigkeiten wach zu werden und kaum noch Lust weiter zu machen. Aber egal, muss ja.
Wir werden noch von Stu eingewiesen, kurz hinter dem Hadrianswall nicht in die BOGS zu fallen. Das sind Schlammlöcher die hüfttief sind. Stu hat es uns mal auf ein Blatt gemalt. Sieht ein bisschen wie eine Schatzkarte aus.
Dann geht es los. Nach 5 Kilometern stelle ich fest, dass ich meine Stöcke nicht in der Hand habe. Ein kurzer Anruf bei Scott und meine Stöcke kommen mit einem anderen Teilnehmer hinterher.
Mittlerweile sind wir drei alle sehr still geworden. Wir traben nur noch hintereinander her, die Strecke ist aber auch nicht sehr aufregend. Wir überqueren ein paar Schafweiden, dann mal wieder ein gefrorenes Hochmoor. Langsam ist alles nicht mehr wachhaltend. Selbst der Schnee ist hier zurückgegangen. Die Berge und alles was geht laufen wir, um mal wieder ein bisschen Distanz zu machen. Außerdem wollen wir die Stelle mit den Bogs bei Helligkeit machen und den Hadrianswall besichtigen. Pünktlich zum Mittag überqueren wir die letzte Autobahn vor Schottland. Autobahnen überquert man dort oben einfach, indem man drüber läuft. Eine spannende Sache. Dann kehren wir zum Mittag in ein Pub ein. Es gibt mal wieder
eine große Cola, Kaffee und einen Burger, außerdem auch Wärme und einen Moment Pause. Der Wirt berichtet, dass schon Läufer da waren, die die Nacht im B&B verbracht haben. Ich denke nur: Achja, aber über uns erst mal lachen!
Kurze Zeit später sind wir am Hadrianswall. Ein Wall, gebaut durch den Kaiser Hadrian, als Schutz vor den wilden Horden aus dem Norden. Wirklich beeindruckend!
Wir laufen ca. 35km auf dem Wall lang. Eine tolle Strecke. Sehr einfach und wir kommen gut voran. Ich lasse es mir nicht nehmen, am obersten Punkt auch für ein Foto auf den Stein zu klettern. So etwas muss halt sein, obwohl es sehr stürmisch ist.
Dann kehren wir dem Wall im Halbdunkeln den Rücken und laufen direkt über eine Wiese mit Highland-Rindern. Die finden den nächtlichen Besuch nicht witzig, rotten sich zusammen und verfolgen uns mit großem Gebrüll. Wir sind später sehr froh, wieder von der Weide zu sein. Dann kommt das Gebiet mit den Bogs. Michael führt uns in Zeitlupe und Meter für Meter durch das Gebiet. Alles ist vereist und knackt bei jedem Schritt. Jin und Michael sind vor mir und überall, wo es bei denen knackt, kann ich nicht mehr hin treten, denn ich würde einbrechen. So springe ich von Grassode zu Grassode. Dann sind wir das erste Mal in einem Wald. Der Weg dort ist nicht viel besser. Tiefe Schlammlöcher, Matsch und Schnee. Aber wir kommen schnell voran. Jin und Michael sagen, dass sie sehr müde sind. Also gibt es für uns alle Salzkapseln mit Koffein.
Dann sind wir wieder raus aus dem Wald und kurz vor dem letzten Checkpoint. Michael führt uns noch ein paar Hänge rauf, wo der Trail gar nicht mehr zu erkennen ist. Wir stellen dabei fest, dass wir uns immer mehr Schottland nähern. Der Checkpoint ist sehr klein und der Trockenraum ist kalt. Kein W-Lan oder Telefonempfang und eigentlich auch nicht genügend Betten. Zu allem Überfluss kündigt sich jetzt auch noch schlechtes Wetter für die letzte Etappe an. Die Organisatoren sind sich noch nicht sicher wie es weitergehen kann.
Wir werden trotzdem ins Bett geschickt und für ein Briefing wieder geweckt. An Schlaf ist kaum zu denken. Es ist sehr warm und laut im Zimmer und die Gedanken an die letzte Etappe lassen mich nicht schlafen. Aber für mich steht fest, dass ich so lange weitermache, bis irgendjemand sagt, dass ich aufhören soll – oder ich im Ziel bin.
Beim Briefing wird uns die Startzeit mitgeteilt und dass wir zu einer 6er Gruppe zusammengefasst werden. Zusätzlich bekommen wir auch einen GPS-Tracker mit. So werden wir ab jetzt permanent überwacht. Dann treffen wir uns draußen und es geht los auf die letzte Etappe. Zu Jin, Michael und mir sind jetzt noch Brian, Ian und Annabell hinzugekommen. So werden wir von Stu aus dem Ort gebracht und auf die Strecke gelotst.
Auf geht’s zur letzten Etappe … Immer in Richtung Ziel.
Beim Packen des Rucksacks für die letzte Etappe habe ich mich mit zusätzlicher Ausrüstung ausgestattet: GPS- Gerät, Biwakzelt, 1l Wasser zusätzlich. Immerhin soll das Wetter richtig schlecht werden. Angesagt sind über 60mpH Schneesturm.
An der letzten Straße kurz vor dem absoluten nirgendwo, sagt Michael plötzlich, dass er nicht mehr kann und aufhört. Wir haben 400 Kilometer gemacht und nur noch 38 Kilometer sind offen. Trotzdem fragt keiner und niemand versucht, ihn von seiner Entscheidung abzubringen. Er sagt, er wäre jetzt nur noch langsam und würde uns aufhalten. Michael telefoniert mit der Organisation und hält das nächste Auto an. Der Fahrer bringt ihn zurück zum Checkpoint. Das ganze dauert gefühlt nur ein paar Minuten. Dann ist er weg und Jin und ich sind das erste Mal ein Zweier-Team.
Brian und Annabell übernehmen erstmal die Führung. Als klar wird, dass sie mit ihrem GPS nicht so gut umgehen können, teilen Ian und ich uns das Führen. Ian orientiert nach Karte und ich mit GPS.
Die Sonne kommt raus und wir kämpfen uns über super schlammige Trails. Ich breche teilweise mehr als knietief ein und ich fluche eigentlich nur noch vor mich hin. Dann kommen wir auf einen Forstweg und können wieder Geschwindigkeit aufnehmen. Jin und ich sind schneller als die anderen drei. Wir überlegen, Stu beim nächsten Kontrollpunkt zu fragen, ob man wieder Zweier-Teams machen kann.
Beim Wasserauffüllpunkt angekommen, ist nur ein minimaler Abstand zwischen uns. Darum ersparen wir uns die Frage. Dann geht es nach oben auf den Bergkamm. Jetzt ist es nur noch etwas mehr als ein Halbmarathon. Das Wetter ist klasse, die Sonne scheint und wir kommen gut voran. Jin und ich laufen mittlerweile trotz tiefem Schnee nahezu alles was geht.
Das schlechte Wetter ist jedoch schon zu sehen und es wird stürmischer. Im zunehmenden Sturm mit Schnee kommen wir an die erste von zwei Schutzhütten. Eine Holzhütte mit Tür, die Wände ungedämmt. Wir machen uns schnell fertig für die Nacht, obwohl es erst in ca. 2 Stunden dunkel wird. Aber allen ist klar, dass das die letzte gute Möglichkeit wird, an die Sachen zu kommen. Dann steigen wir zu dem Berg „Windy Gyll“ auf. Dieser macht seinem Namen auch alle Ehre. Es ist so stürmisch, dass wir kaum noch vorankommen. Der Schnee nimmt zu und verdeckt oft den Trail.
Jedes Mal wenn wir über ein Gatter steigen, sind wir entweder in Schottland oder wieder in England. Die Grenzlinie liegt so nah. Dann wird es Dunkel.
Der Sturm nimmt so zu, dass eine Sicht nicht mehr möglich ist. Der Schnee hat den Trail komplett verdeckt. Ich habe nur noch die Wahl nach GPS zu gehen oder einen Zaun rechts von mir als Orientierung zu benutzen. Wobei im Laufe der Zeit von dem Zaun auch nur noch die Spitzen zu sehen sind. Ich spure also den Schnee für die anderen. Häufig sind jetzt Rinnen am Zaun, die so voller Schnee sind, dass ich mich nur noch mit Mühe befreien kann. Es ist unglaublich anstrengend. Mein GPS zeigt 18 Kilometer zum Ziel an. Bei einem Blick zurück fällt mir auf, dass die Szenerie an den K2 erinnert. Diffuses Licht der Stirnlampen von bepackten Gestalten im Schneesturm. Ich mache mir Gedanken darüber, was wohl passiert, wenn jetzt einer der anderen sagt, dass er nicht mehr weiter kann. Dann müssen wir hier bleiben. Ein Notfallbiwak im Schneesturm. Ich schätze, das würde sogar Bear Grylls nicht wollen.
Für mich selber stelle ich fest, dass es mir gut geht und ich nicht friere. Die Kleidung, die ich trage, ist wohl genau für diesen Zweck hergestellt worden.
Das Vorankommen wird immer schwerer, der Schnee immer höher und ich spure so lange es geht. Manchmal bis es mir schwarz vor Augen wird. Dann muss ich die anderen spuren lassen und ich wanke im Abstand von 25 Metern hinterher. Mal spurt Ian, mal Jin und mal Annabell. Brian ist zu geschafft, um das übernehmen zu können. Wenn Annabell den Schnee spurt, dann ist sie schnell am Limit. Der Schnee ist mittlerweile so tief, dass sie steckenbleibt und Hilfe braucht, um wieder herauszukommen. Wir verlieren kurzzeitig den Zaun als Anhaltspunkt. Das bedeutet für mich: GPS in der einen Hand und Stöcke in der anderen Hand während ich den Schnee spure. Das geht drei Schritte lang gut, dann stürze ich in den Schnee und muss mich wieder ausgraben. Es schneit jetzt so stark, dass das Display meines Garmin schneller voll ist mit Schnee, als dass ich es erkennen kann. Zu meinem Glück meldet das Garmin auch noch, dass die Batterien fast leer sind. Wir navigieren kurzzeitig nach Karte. So finden wir die Ruine einer alten Hütte. Eigentlich suchen wir eine Schutzhütte und meinen Schreck beim Anblick dieser Ruine könnt ihr euch nicht vorstellen. Im Schutz der Ruinen versuchen wir uns zu orientieren. Mein GPS sagt mir klar wo es lang geht. Nur Ian ist anderer Meinung und die anderem folgen ihm. Verzweiflung kommt in mir hoch, denn zuzusehen, wie die anderen einen steilen Abhang hinabsteigen, kann ich auch nicht. Ich also hinterher und versuche Ian zu überreden. Genau in diesem Moment stürze ich erneut. Ich kann noch sehen, dass dort eine Steinkante ist. Ich treffe sie natürlich genau und ein stechender Schmerz ist am Schienenbein. Ich kann im Schnee und mit Stirnlampenlicht erkennen, dass die Hosen kaputt sind. Ich trage eine warme Unterhose, eine Softshell und eine wasserdichte Hose. Der Schnee färbt sich rot und mir ist klar, dass ich mich verletzt habe. Aber genauer drauf schauen geht nicht. Es ist zu kalt und zu windig. Also weiter….
Nachdem es Ian die Karten zerfetzt und er auf meinem GPS sieht, dass wir falsch sind, darf ich die Führung übernehmen. Irgendwann kommt im Licht der Stirnlampe die Hütte zum Vorschein. Keiner kann sich vorstellen wie glücklich wir waren.
Wir also rein. Kurz nach dem Hinsetzten macht mein Körper schlapp, Schwindel, Schüttelfrost, Übelkeit. Mir ist sofort klar: Das wird ein Schock. Also Beine hoch und die anderen kümmern sich sofort um mich. Meine Wunde, ein Cut von 10cm Länge auf dem Schienenbein, wird versorgt. Ian macht mit dem Kocher heißes Wasser und setzt Kaffee auf.
Der Organisation wird mitgeteilt, dass wir in der Hütte sind und dort bis zum Morgen bleiben. Achja…und dass ich verletzt bin. Nach dem Essen holen alle die Schlafsäcke raus und wir entledigen uns unserer nassen und vereisten Kleidung. Ich simse mit Inge um ihr die Angst zu nehmen. Eigentlich will ich nur noch weg aus dieser blöden Hütte. Zurück nach Hause. Meine Nerven liegen blank und ich bin so erschöpft, dass ich beim Tippen einschlafe.
Morgens so gegen 7 Uhr werde ich wach. Alle Kleidung, die ich anfasse ist nass oder vereist. Im Schlafsack ist es sehr schön warm und mir graut davor, raus zu müssen.
Meinen Cut tape ich noch mal extra, da beim Spuren des Schnees sonst die Wunde jedes Mal wieder auseinander gezogen wird. Als Annabell das sieht wird sie blass. Dann essen wir alle etwas und beraten wie es weitergeht. Aber der einzige Weg der bleibt, ist zum Ziel nach Kirk Yetholm. 14 Kilometer! Also wir alles verpackt, die Schnürsenkel mit einer Butangaskartusche vom Eis freigeschlagen. Ein kurzes Telefonat mit Scott und weiter geht es. Draußen ist es immer noch stürmisch, aber es hat aufgehört zu schneien. Der Trail ist ab und an zu erkennen. Darum kommen wir gut voran. Irgendwann kommen die ersten Schilder und dann sehen wir die Bergwacht, die uns entgegen kommt. Sie fragen uns, ob alles okay ist. Wir antworten, dass alles gut ist und dass wir ankommen werden. Meine Verletzung ist kaum zu erkennen im Gangbild und so fragt auch keiner nach. Irgendwann sind wir dann auf einer Straße und das gesamte Organisationsteam kommt uns entgegen. Die Anspannung löst sich bei mir. Ich muss weinen, aber vor Freude. Selbst Michael ist da und so gehen wir alle zusammen die letzten Kilometer bis zum Pub, denn dieser ist das offizielle Ende des Pennine Way.
Dort angekommen werden wir gefeiert. Wir hören, dass die Läufer hinter uns nur 18km vor dem Ziel aus der anderen Hütte evakuiert werden mussten.
Mein Schienenbein wird noch im Pub auf dem Tisch genäht. Tja, alles etwas anders in England. Aber richtig klasse!
Nach der Siegerehrung geht es dank Michael fast direkt zurück nach England. Schnell weg aus den Bergen. Nur zwei Stunden später wäre das nichts mehr geworden, denn es ist schon wieder schwerer Schneefall angesagt worden.
Ein irrer Lauf auf dem wir sehr viel Glück hatten und ich viel über Freundschaft lernen konnte. Außerdem habe ich gelernt, dass Trail in England noch viel direkter ist und einfacher. Auch interessanter, denn mal ganz ehrlich: die meiste Zeit schleppen wir auf dem Kontinent unsere Wettkampfausrüstung umsonst mit.
Nun geht es weiter und ich muss mal schauen, was ich als nächstes laufe. Denn die Grenze war das noch nicht… (vom gleichen Veranstalter gibt es 2014 im Übrigen erstmalig: www.frostskade500.com)
